jtem​plate​.ru — free extensions for joomla

Der Islamismus, historisch betrachtet

Mittwoch, 19 Oktober 2016 00:00 von Benjamin Jahn Zschocke

Ernst Noltes Leben (19232016) steht exemplarisch dafür, was man zu erwarten hat, wenn man die Mythen der BRD hinterfragt. Weniger bekannt ist seine Forschung zum Islam.

Die Industrielle Revolution, für Nolte die Kernrevolution der europäischen Geschichte schlechthin, löste nicht nur die innere, und heute unumkehrbare Selbstzersetzung Europas aus. Sie schuf auch indirekt eine große außereuropäische Gefahr, den Islamismus.

Von 1798 bis 1801 unternahm der Franzosenkaiser Napoleon Bonaparte, Vollender und vor allem aggressiver Exporteur der Revolutionsideen, eine militärische Expedition nach Ägypten, welches damals Teil des Osmanischen Reiches war. Das Jahr 1798 markiert damit den Beginn einer fortwährenden, zuerst von Europa provozierten Verteidigungshaltung des Islam, welche der kürzlich verstorbene Historiker Ernst Nolte in seinem Werk Die dritte radikale Widerstandsbewegung. Der Islamismus als „Verteidigungsaggressivität“ beschreibt. Waren Europa und Asien wirtschaftlich bis zur Industriellen Revolution zumindest halbwegs auf Augenhöhe, koppelte sich Europa mit dem vor allem im Westen einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung uneinholbar vom großen östlichen Nachbarn ab.

Der uneinholbare Vorsprung des Westens

Besonders die islamischen Länder traten schnell in die dritte Linie zurück und kultivierten einen bis heute nicht überwundenen Minderwertigkeitskomplex, während in Europa eine Erfindung nach der anderen patentiert wurde. Der Begriff der Verteidigungsaggressivität ist deshalb der Schlüsselbegriff von Noltes Denken über den Islam und des Islamismus. Der Islamismus ist nach seinem Verständnis nichts anderes, als „die neuartigste Weltmacht der Gegenwart“, die Radikalisierung des Islam, welche von dieser Religion niemals getrennt betrachtet werden kann.

Obwohl insbesondere der hohe Wohlstand der Ersten Welt in den Dritteweltländern als anstrebenswertes Gut gilt, wird besagte, mit diesem Wohlstand verknüpfte Überlegenheit gleichzeitig als Bedrohung empfunden und diese nicht selten religiös verbrämt. Dieser von Widersprüchen durchzogene Nährboden erhält in den Ursprungsländern des Islam den religiösen Fanatismus „gegen den Westen“ am Leben, eine Mischung aus Biedermeier und theologischem Wahn und im Westen selbst die abschätzige Haltung der muslimischen Einwanderer gegen alles, was sie dort vorfinden, die Freiheit, den Wohlstand und vor allem die einheimische Bevölkerung, die ihnen nur durch ihr So-​Sein täglich die eigene Andersartigkeit vor Augen führt.

Historische Anziehung und Abstoßung zwischen Orient und Okzident

Noltes Buch gliedert sich in zwei Teile: Der eine besteht in einer sehr umfangreichen und höchst präzise recherchierten Analyse des seit 1798 durch Napoleon in Gang gesetzten Ringens Europas mit dem Islam. Das schließt die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte Kolonialisierung Algeriens durch die Franzosen ebenso ein, wie den Frieden von Paris (1856), seit welchem das Osmanische Reich zu den zivilisierten Völkern und damit in der Praxis zu Europa gezählt wurde. Es folgt ein bis in die frühen Nullerjahre hineinreichendes Auf und Ab von Anziehung und Abstoßung, zwischen diesen beiden Kulturen, welche zuletzt, also bis zum Epochenbruch der inszenierten Asylschwemme, noch durch die Diskussion zum geplanten EU-​Beitritt der Türkei erinnerlich sein dürfte.

Besonders virulent und symbolträchtig ist für Nolte der Konflikt zwischen dem von Westeuropa beförderten Zionismus und dem Islamismus in Israel. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde seither so deutlich, wie ambivalent die Interessen der dort um die Vorherrschaft kämpfenden Mächte ist. Aber auch hier macht Nolte das Phänomen der Verteidigungsaggressivität aus, da sich der zurückgebliebene Islamismus dem wirtschaftlich und intellektuell überlegenen Zionismus unterlegen fühlt. Hinzu kommt hier besonders die Tatsache, daß die Zionisten sich in ein über Jahrhunderte islamisch besiedeltes Land hineindrängten.

Der zweite Teil des Buches setzt den Islamismus in Beziehung zu Noltes Lebenswerk, nämlich der Erforschung der Wechselwirkung der beiden anderen radikalen Widerstandsbewegungen gegen die Moderne, den Kommunismus und den Faschismus. Die beiden ersten Widerstandsbewegungen waren eindeutig europäische Phänomene, der Islamismus verlegt die Fragestellung in die Dritte Welt. In einem sehr genauen Vergleich diskutiert Nolte wunderbar aufschlußreich, auf welche Weise sich diese drei Widerstandsbewegungen gegen die Moderne, die Nolte mit Max Weber schlicht auf das Prinzip der Rationalisierung zurückführt, behaupten wollen.

Schlüsselbegriff „Transzendenz“

Christian Krachts zweiter Roman 1979 spielt zur Zeit von Ajatollah Chomeinis Islamischer Revolution im Iran. Der Erzähler erlebt die Revolution in der iranischen Hauptstadt Teheran unmittelbar mit. In einem im Roman wiedergegebenen Gespräch mit einem der Revolutionäre, welche den ersten Islamischen Staat schufen, heißt es:

„Schauen Sie mal hinaus auf die Straße. Sehen Sie es? Der Schah ist bald weg, vielleicht ist er jetzt schon weg. In diesem Land wird eine neue Zeitrechnung beginnen, außerhalb des Zugriffs Amerikas. Es gibt nur eine Sache, die dagegen stehen kann, nur eine ist stark genug: Der Islam. Alles andere wird scheitern. Alle anderen werden in einem schaumigen Meer aus Corn Flakes und Pepsi Cola und aufgesetzter Höflichkeit ertrinken.“

Der hier gestreifte Gegensatz von westlicher Welt und Islam war ganz sicher Ernst Noltes Beweggrund, das vorliegende Werk zu schreiben. Doch Nolte beläßt es nicht bei der bloßen historischen Herleitung der Genese des Islamismus. Er fragt im zweiten und überragenden Teil seines Werkes , worin genau der Gegensatz besteht zwischen dem Islam beziehungsweise dem Islamismus und der westlichen Welt und arbeitet an dieser Fragestellung die strukturellen Ähnlichkeiten von Kommunismus, Nationalsozialismus und Islamismus präzise heraus.

Amerika und den jüdisch-​christlich geprägten Weltkapitalismus allein als Grund für die Feindschaft anzunehmen, ist für Nolte nur eine unzureichende Antwort. Er fragt, welches Prinzip sich hinter diesem, die gesamte Welt kolonialisierenden Phänomen verbirgt und kommt zu dem Schluß: „Dieser Feind (des Islamismus) ist nicht „der Kapitalismus“ und nicht „das Judentum“. Es ist vielmehr ein „Etwas“ im Kapitalismus, das von nichtjüdischen und jüdischen Denkern bedacht und lange Zeit gerühmt wurde: das innerste Vermögen, oder besser: das eigentliche Schicksal des Menschen, „über sich selbst“, d.h. seinen gegenwärtigen Zustand und seine gegenwärtige Umgebung hinauszudenken und schließlich hinauszuhandeln: die Transzendenz – die Notwendigkeit, sich zu der Welt im Ganzen in eine emotionale Beziehung zu setzen und sie in Teilen zu erkennen.“

Der Islam, eine Kampfesreligion

Durch diese kulturell gewachsene Unfähigkeit, aus seinem gegenwärtigen Zustand und seiner gegenwärtigen Umgebung hinauszudenken und schließlich darüber hinauszuhandeln, kultivierte der Islam in seiner Hermetik eine selbstverständliche Negation der westlichen Werte, auf welcher vor allem der aggressive Habitus des Islamismus fußt. Dieser kann nicht einfach mit dem geringen Bildungsgrad der Dritten Welt, aus der er stammt, begründet werden, sondern stellt ein eigenständiges kulturelles Phänomen dar, mit dem Europa nun im Innern unwiderruflich in Konflikt gerät.

Mit Blick auf den Massenmord an den Armeniern schreibt Nolte: „Die Türken fühlten sich als Kriegervolk, das sie seien, von den kommerziell gesinnten und intellektuell überlegenen Armeniern bedroht“, der Islam sei von Anfang an als „Kampfesreligion“ einzustufen gewesen. Die Transzendenz des Islam beruht höchstens auf der Bekämpfung alles Gottlosen.

Dieser innereuropäische Konflikt mit dem aggressiven Islamismus wird im hochaktuellen Schlußwort von Noltes Buch ganz versteckt in einer der allerletzten Fußnoten Rechnung getragen: „Insofern kann die (ganz überwiegend islamische) „Zuwanderung“ nach Deutschland und Europa ebensosehr Hoffnungen wie Befürchtungen wecken. Aber wo immer so etwas wie die „Landnahme“ einer identifizierbaren und möglicherweise von einem fremden Staat geförderten Gruppe vorliegt, muss der betroffene Staat entweder kämpfen oder auf sich selbst verzichten. Unter noch allgemeineren Gesichtspunkten könnte die islamische Einwanderung indessen als die zweite und aussichtsreichere Hälfte des Doppelangriffs der militärisch Schwachen gegen die dekadenten Starken verstanden werden.“

Ernst Nolte: Die dritte radikale Widerstandsbewegung. Der Islamismus. 414 Seiten, Landt Verlag 2009. 39,90 Euro.

ANZEIGE

Projekte

Gedrucktes

Verwandtes

BN-​Anstoss