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Sozialismus durch Nationalbewusstsein

Samstag, 13 Juni 2015 21:08 von Gereon Breuer

Die nationale Identität der kleinen Völker im Sowjetimperium wurde keineswegs immer unterdrückt. Warum Stalin auch deren Nationalbewusstsein förderte, erklärt das Buch „Sonniges Georgien“.

Der sperrige Untertitel Figuren des Nationalen im Sowjetimperium sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Autoren Giorgi Maisuradze und Franziska Thun-​Hohenstein ein wichtiger Beitrag für das Verständnis der Geschichte Georgiens gelungen ist. Hinzu kommt: Dieses Land spielte eine besondere Rolle für die Geschichtspolitik Sowjetrusslands.

Stalin: Vater der sowjetischen Idee der Nation

Georgien ist heute vor allem deshalb bekannt, weil es die Heimat eines gewissen Herrn Dschugaschwili war, der später als Josef Stalin zum Großmeister rot-​faschistischen Terrors wurde. Deshalb kommen die Autoren kaum umhin, den „Sohn Georgiens“ und sogenannten „Vater der Völker“ immer wieder zu fokussieren. Das ist auch deshalb notwendig, weil das, was in Sowjetrussland unter der Nation und dem Nationalen verstanden wurde, maßgeblich von Stalin mitgeprägt wurde.

Weil der Sozialismus lediglich einen historischen und keinen ethnischen Nationsbegriff kennt, galt die Verbreitung des Sozialismus als oberstes Ziel der Nationalitätenpolitik. Auf dieser ideologischen Basis entwickelte Stalin seine Formel „national in der Form, sozialistisch im Inhalt“, unter deren Paradigma er die „Bodenständigkeit des Sozialistischen im Nationalen“ durchsetzte.

Der Sozialismus brauchte nationale Identität

Warum aber ist eine aktive Nationalitätenpolitik überhaupt wichtig? Die Antwort hierauf sehen die Autoren erstens in der Kategorie des Nationalen selbst gegeben: „Das Nationale ist eben keine unbewegliche Kategorie, sondern bedarf einer genauen historischen Kontextualisierung und Differenzierung bezogen auf die konkreten Formen und medialen Praktiken seiner jeweiligen diskursiven Konstruktion.“ Das Nationale ist also eine höchst vitale Kategorie. Ihr Eigenleben ist kaum zu steuern, was Zwang unausweichlich macht, wenn Ordnung geschaffen werden soll.

Das bedeutet insbesondere für ein Terrorregime, wie es in der Sowjetunion über Jahrzehnte sein blutiges Unwesen trieb, eine ganz besondere Herausforderung. Deshalb ist eine aktive Nationalitätenpolitik in Sowjetrussland nach Meinung der Autoren auch deshalb wichtig gewesen, um die unterschiedlichen Völker in der Klammer des Sozialismus zu einen. Die eigene Vielfalt der Nationalitäten galt es aus Sicht der sowjetischen Führung nur insofern zuzulassen, als dass sie dem sozialistischen Zusammenhalt dienten. An Georgien zeigen die Autoren beispielhaft, warum es für die ideologische Solidarität und insbesondere die Verbreitung des Sozialismus hilfreich sei, wenn er sich auf eine starke Nationalität gründen kann.

Sozialismus in der Muttersprache

Hier knüpfte das Sowjetreich an die orthodoxe Tradition der autokephalen, also selbst ihr Oberhaupt wählenden Staatskirche an. Diese besteht in ihrem Kern unter anderem darin, dass der Gottesdienst in der jeweiligen Landessprache gefeiert wird. In diesem Sinne könne Georgien nach Meinung der Autoren seit dem 9. Jahrhundert als das Land gelten, in dem die Zelebrierung des Gottesdienstes in der eigenen, georgischen Sprache erfolgte. Nationale Identität wird also durch eine gemeinsame Sprache gestiftet. So erfährt die Orthodoxie eine enge Bindung an die Gläubigen, wenn ihre Muttersprache auch die Sprache ihres Glaubens ist.

Das wollte sich der Sozialismus zunutze machen. Denn bei seiner Ausbreitung stand das Moskauer Sowjetregime vor dem Problem der Bildungsferne in den einzelnen Ländern des Sowjetreiches. Russisch wäre als Sprache deshalb für die Verbreitung des Sozialismus denkbar ungeeignet gewesen. Analog zu dem orthodoxen Prinzip wurde die sozialistische Ideologie deshalb in der jeweiligen Landessprache verbreitet.

Überlegenheit gegenüber Alteuropa?

Was Georgien betrifft, so hatte dieses Land für das Sowjetregime aber nicht nur zentrale Bedeutung, weil es die Heimat Stalins war. Maisuradze und Thun-​Hohenstein urteilen: „Georgien ist nicht nur deshalb paradigmatisch, weil Stalins Heimat in den offiziellen Diskursen viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde, sondern auch, weil sich die georgische Kultur – und damit gleichsam die Sowjetkultur insgesamt – durch ihre weit in die Vergangenheit zurückreichende kulturelle Tradition als eine besonders alte Kultur inszenieren ließ.“

Das war deshalb wichtig, weil der Sozialismus von Anfang an unter kulturellen Minderwertigkeitskomplexen gegenüber Europa litt. Die Autoren weisen dezidiert nach, dass die georgische Kultur aus diesem Grund zu einem zentralen Schauplatz gemacht wurde, um die Überlegenheit der sowjetischen Kultur gegenüber der Kultur Europas in Stellung zu bringen. Beispielhaft ist hier etwa die pathetischen Formel vom „Sonnigen Georgien“ zu nennen. Sie entstammt der romantisierenden Verherrlichung des eigenen Landes durch die Georgier und wurde von dem Moskauer Regime in sowjetischen Nationalismus übersetzt.

Georgien als Exilland

Auf den 376 Seiten des Buches, das in drei Kapitel gegliedert ist und durch einen umfangreichen Anhang, ein kommentiertes Personenverzeichnis und zahlreiche Abbildungen sinnvoll ergänzt wird, zeigen die Autoren noch viele weitere Beispiele dieser Art. Ihr Ansatz ist nicht politisch, sondern kulturell fokussiert. Sie brillieren mit einer detaillierten Darstellung des kulturellen Lebens im Sowjetreich und vor allem in Georgien. Denn das kleine Land im Kaukasus wurde zum Fluchtort für viele Künstler und Schriftsteller vor den politischen Kommissaren in Moskau.

Die Lektüre des Buches ist, das soll abschließend nicht verhehlt werden, aufgrund der Komplexität des Gegenstandes zeitweilig mühsam. Viele Zusammenhänge erschließen sich dem unbedarften Leser nicht auf Anhieb. Die Mühe aber lohnt sich: Denn die Autoren schließen mit ihrem Buch eine wichtige Forschungslücke.

Giorgi Maisuradze, Franziska Thun-​Hohenstein: Sonniges Georgien. Figuren des Nationalen im Sowjetimperium. Literaturforschung Bd. 24. Kadmos Verlag 2015. Broschiert. 26,90 Euro.

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