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Bücherschau: Tacitus’ gefährliche Germania

Donnerstag, 05 Juli 2012 11:16 von BN-​Redaktion

Die Schrift Germania des Römers Tacitus gehört zu den deutschen Gründungsmythen. Geschrieben weit vor einem absehbaren Niedergang des römischen Reiches ist das Buch nicht frei von der Verklärung der „edlen Wilden” aus den mitteleuropäischen Wäldern im Gegensatz zur vermeintlich dekadenten römischen Gesellschaft. Christopher B. Krebs, Professor für Klassische Philologie in Harvard, hat sich unter dem Titel Ein gefährliches Buch mit der Rezeptionsgeschichte des Werks auseinandergesetzt. Er spannt den Bogen von Martin Opitz bis zum Dritten Reich und betont, wie wichtig Tacitus für die Beschwörung einer deutschen Einheit seit jeher gewesen sei.

Der FAZ–Rezensent Lorenz Jäger sieht in dieser einseitig wahrgenommen Rezeptionslinie auch die große Schwäche des Buches. So unterschlage Krebs etwa die Übersetzung der Germania von Rudolf Borchardt und stelle das Werk einseitig als willkommenes Instrument der NS-​Propaganda dar. Laut Krebs hätten sich die Nationalsozialisten in Italien sogar auf die Suche nach der ältesten überlieferten Tacitus-​Handschrift begeben. Es handle sich um ein szenisch packende, doch mitunter zu romanartig verfasste Arbeit, bemerkt Judith Leister von der NZZ. Dafür liege hier aber auch eine sehr detail– und kenntnisreiche Arbeit des Harvard-​Professors vor.

Christopher B. Krebs: Ein gefährliches Buch. Die ’Germania‘ des Tacitus und die Erfindung der Deutschen. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. München: DVA 2012. 347 Seiten. Gebunden. 24,99 EUR.

Die Folgen der Aufgabe nationaler Souveränität durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) am vergangenen Freitag im Bundestag lassen sich noch nicht absehen. Selbst einige Bundestagsabgeordnete gestanden ein, das Vertragswerk des ESM nicht zu kennen. Abhilfe könnte Friedrich Romigs Bändchen ESM — Verfassungsputsch in Europa bieten. Romig analysiert die Vorgeschichte eines Vertrags, der von einer amerikanischen Anwaltskanzlei verfasst worden sei. Außerdem untersucht er, ob es für Deutschland und Österreich noch Ausstiegsmöglichkeiten geben könnte. Der 96 Seiten umfassende Text bietet auch einen guten Einstieg für Laien.

Friedrich Romig: ESM — Verfassungsputsch in Europa. Reihe kaplaken, Band 32. Schnellroda: Edition Antaios 2012. Gebunden. 96 Seiten. 8,50 Euro.

Walter Kempowskis Werk liegt auch der Anspruch zugrunde, mit seinen Texten die „historische Schuld” der Deutschen zu tragen. Diese These stellt Kai Sina in seiner Untersuchung „Sühnewerk” und „Opferleben”. Kunstreligion bei Walter Kempowski auf. Angefangen bei Kempowskis Debütroman Im Block von 1969 bis zum posthum erschienenen Gedichtband Langmut von 2009 durchziehe das Werk eine „umfassende und anhaltende Überformung seiner Autorschaft, seiner Poetik und nicht zuletzt seines literarischen Werks im Modus moderner Kunstreligion (…).” Sinas literaturwissenschaftliche Studie zeichnet dieses kunstreligiöse Konzept bis hin zur Erhöhung zum christusartigen „Sühnewerk” nach. Kempowskis Texte enthalten auch eine Reihe ironischer Brechungen bezüglich der Schuldfrage der Deutschen. Eine interessante Annäherung an den Rostocker Schriftsteller!

Kai Sina: „Sühnewerk” und „Opferleben”. Kunstreligion bei Walter Kempowski. Göttinger Studien zur Generationsforschung. Veröffentlichungen des DFG-​Graduiertenkollegs „Generationengeschichte”. Herausgegeben von Dirk Schumann. Band 9. Göttingen: Wallstein Verlag 2012. Gebunden. 282 Seiten mit 21. Abbildungen. 29,90 Euro. Erscheint im Juli 2012.

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