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Verrückte Welt!?

Freitag, 04 November 2016 09:01 von Carlos Wefers Verástegui
Erasmus von Rotterdam Erasmus von Rotterdam

Vor die Frage gestellt, ob nicht die ganze Welt den Verstand verloren habe, gab mir mein Professor „El Stalin“ eine aufschlußreiche Antwort.

Er betonte, wer die Vernünftigkeit der Welt ernsthaft in Zweifel zöge, habe sehr wahrscheinlich selbst ein Problem. Ich kann mich an die näheren Umstände, die mich damals zu dieser Fragestellung bewegten, nicht mehr erinnern. An den Spitznamen, den die zumeist links angehauchten Professoren der Geschichtswissenschaften der Universität Salamanca ihrem Fachkollegen gegeben hatten, erinnere ich mich sehr wohl: „der Stalin“ – El Stalin.

Dieser Spitzname kam nicht von ungefähr, wie auch nicht von ungefähr kam, dass „El Stalin“ diese Bezeichnung als einen Ehrennamen sah und, in Momenten der Vertrautheit, es auch so über die Lippen brachte: „Wisst ihr, ich werde von den Kollegen, mit denen ich studiert habe, immer noch El Stalin genannt.“ Trotz einer gewissen Schüchternheit war klar daraus der Stolz zu erkennen.

El Stalins Narrenfreiheit

El Stalin machte seinem Namen auch wirklich alle Ehre, indem er mehrmals als Anwalt verschiedener politischer Radikalismen von links auftrat, zuletzt für „Alfon“. „Alfon“ war ein anarchistischer Krawallmacher und angehender Terrorist, der nicht verstand, warum man ihn wegen eines Sprengsatzes verhaftet hatte, den er „zufällig“ bei einer Demonstration mit sich geführt hatte. Nachdem „Alfon“ bis zur Gerichtsverhandlung vorläufig auf freien Fuß kam, trat El Stalin dafür ein, dass „Alfon“ doch die Möglichkeit haben sollte, sich in einem Hörsaal der Universität öffentlich zu erklären.

Das war wohl alles so ganz vernünftig. Hatte doch El Stalin keine Probleme in dem Sinne, dass er die Welt etwa für verrückt hielte. Und auch sonst hatte er keine Konsequenzen zu fürchten, höchstens, dass man seine Eskapaden belächelte oder ihn ein wenig in der konservativeren Lokalpresse kritisierte. El Stalin genoss auf seine Weise Narrenfreiheit und nutzte sie auch großzügig. Die Welt musste ihm darum vernünftig scheinen.

Arzt im Weltspital

Ohne jemals weder mich noch El Stalin vorausgesehen zu haben, hatte fünf Jahrhunderte zuvor der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam sein bekanntes Werk Lob der Torheit bzw. „Narrheit“ geschrieben. Seine Absicht dabei war, seine törichten Zeitgenossen zu treffen, indem er auf spöttisch-​ironische Weise all ihre Dummheiten und Narreteien vorführte. Diese Art von Narrheit ist damit aber nicht gemeint, wenn man der Welt diagnostiziert, sie sei nicht mehr ganz klar im Kopfe.

Dieser Diagnose ähnlicher ist der Ausspruch des habsburgischen Staatskanzlers Clemens Fürst von Metternich (17731859), er sei der „Arzt im Weltspital“: Im Zuge der Französischen Revolution waren die europäischen Völker derart in Unordnung und Unruhe geraten, dass der alte österreichische Diplomat sein politisches Wirken, mitten in der Umbruchszeit des 19. Jahrhunderts, für eine Therapeutik hielt, Schlimmeres zu verhindern. Er begriff die durch die Revolution in Gärung versetzten Völker für gefährliche Patienten, denen im Übrigen die politische Unmündigkeit gut stand. Schließlich mussten sie vor sich selbst beschützt werden. Dabei war sich Metternich nur allzu bewusst, dass in seiner Macht nur lag, Unvermeidliches hinauszuschieben.

Laisser Faire gefährdet die Sittlichkeit ganzer Völker

Ein weiterer Meilenstein in der Diagnostik des fortschreitenden Verlustgangs des Weltverstandes ist das Auftreten Nietzsches. Er hatte darüber hinaus noch die Güte, selbst über seine Diagnose den Verstand zu verlieren. Sein Wahnsinn wird heutzutage von vielen für interessanter gehalten als der Wahn– und Irrsinn, den Nietzsche seiner Zeit und, mit ihr, seinen Zeitgenossen attestierte. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die Zeit all das für Wahn– und Irrsinn hält, was sich eben nicht zu ihr, sei es herunter, sei es herab, bequemt.

Allein die Tatsache, dass für jemanden Nietzsches Wahnsinn interessanter sein könnte als seine Einsichten beweist, wie verrückt dieser Jemand ist. Ähnlich verhält es sich überall, wo man, anstatt sich auf die Leistung großer Männer und Frauen zu konzentrieren, Geschmack an deren Schwächen, Marotten und sonstigen Absonderlichkeiten findet. Dass Bismarck ein mitleidsloses Nervenbündel war, Schiller an faulen Apfelgriebschen schnüffelte, Kaiser Wilhelm von Inzestwünschen nur so triefende Ödipusbriefe an seine englische Mutter schrieb, gereicht, als Anekdote, zur Freude eines Zeitalters, das seine eigene Triebhaftigkeit nicht mehr unter Kontrolle hat, so dass diese schließlich ausartet. Nietzsche sah im allesüberwuchernden Laisser-​faire – zu Deutsch gehen lassen – seiner Zeit eine sittliche Krankheit. Heute kann der daran noch nicht Erkrankte wissen, mit Augen sehen, mit Ohren hören und mit Händen greifen, was damit gemeint war.

Der Wahnsinn lässt die Welt kopf stehen

Dass die Menschenwelt fehlgeleitet ist, an sich selbst und ihren Schöpfungen irre werden kann, ist schon längst keine bloße Möglichkeit mehr. Die verheerende Wirkung der kapitalistischen „Gründerzeiten“ auf den Geist, das Wachstum „bis zum Wahnsinn, bis zum Unholdentum“, wie Othmar Spann einst plastisch sagte, die Warnhinweise Werner Sombarts, sind kein Schnee von gestern. Wenn sie das auch scheinen mögen, so liegt das am alltäglichen Wahnsinn, und daran, dass die Wahnsinnigen sich mehrheitlich zusammengetan haben, das letzte Quäntchen Vernunft aus der Welt zu verbannen, um ihre „Ordnung“ anstelle einer vernünftigen Welt zu setzen.

Dass es sich bei dieser „Ordnung“ durchaus um die Ordnungsvorstellungen von Wahnsinnigen handelt, ist dann immer wieder an den Folgen zu ermessen. Der organisierte und auch sonst mächtige Wahnsinn kann zwar aus sich selbst heraus nichts Vernünftiges zustande bringen, dafür aber stellt er die Dinge und, mit ihnen, die ganze Realität auf den Kopf. Überhaupt ist seine Spezialität die Umkehrung des Verhältnisses von Vernunft, gesunder Menschenverstand, Urteilsvermögen – oder wie man es sonst nennen mag – und Wahn-​, Traum– und Wunschvorstellungen. Ebenso wird das Verhältnis von Moral und Unmoral umgekehrt, so dass Moral scheint, was eigentlich Unmoral ist und, umgekehrt, zu Moral wird, was eigentlich eine schlagende Unmoral ist.

Gnostischer Wahn

Bei all diesen Umkehrungen geht es mit Notwendigkeit toll zu. Es kommt zu pathologischen Zuständen von Individuen und Kollektiven, die vom ehemaligen Spannschüler Eric Voegelin treffend „gnostischer Wahn“ genannt wurden. Voegelin war sich der gesellschaftlichen Reich– und Tragweite dieses Wahns durchaus im Klaren. Die Welt kann also doch als Ganzes „von Sinnen“ sein, so schlimm diese Verstellung auch sein mag.

Der pragmatische Einwand, dass das keineswegs der Fall sein kann, da doch die meisten Menschen mehr oder weniger „vernünftig“ handeln, sowie in der Lage sind, ihrer Arbeit nachzugehen, ihr Tagesgeschäft verrichten, überhaupt „lebensfähig“ sind und sich auch sonst „vernünftig“ gebärden, entkräftigt keineswegs die Diagnose einer allgemeinen Verrücktheit. Denn, nur weil einer in irgendeinem Sinne „vernünftig“ tut und handelt, ist er doch nicht gleich „richtig“ im Kopf. Sage das einmal jemand Leuten wie El Stalin!

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