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Der nationale Komplex der Spanier

Dienstag, 01 Dezember 2015 13:15 von Carlos Wefers Verástegui

Vierzig Jahre nach General Francos Tod sind in Spanien die Wunden von Bürgerkrieg und Diktatur noch immer nicht verheilt.

Die Erinnerung an diese tragische Episode der jüngsten Vergangenheit Spaniens scheidet auch weiterhin die Geister. An dieser geistigen Fortsetzung des Spanischen Bürgerkriegs mit anderen, nämlich literarischen, Mitteln, arbeitet vor allem ein Kollektiv, dass sich davon einigen Gewinn verspricht: die Historiker.

Gewalttaten der Rechten sind grundsätzlich „Genozid“

Auf den ersten Blick scheint sich Franco in das einzufügen, was der französische Philosoph Jacques Maritain „nationaler Komplex“ genannt hat: genau so, wie es die Individuen tun, schleppen auch die Nationen Komplexe mit sich herum. Danach wäre Franco den Spaniern, was Hitler den Deutschen ist. Und tatsächlich, oft werden Parallelen zwischen den beiden Diktatoren gezogen, die alle schief liegen. Auffällig ist hierbei, dass sogar Fachleute der Versuchung erlegen sind, Franco zu hitlerisieren.

So hat sich der in Spanien sehr bekannte Historiker Julián Casanova Ruiz jüngst nicht entblödet, Franco und Hitler in denselben Topf zu werfen. Zu diesem abstrusen und für einen Historiker von Rang unverzeihlichen Vergleich hatten ihn zahlreiche Anzeigen zum Gedenken an Francos vierzigsten Jahrestag (20. November 1975) veranlasst.

Diesem Affekt eines bekennenden Edelanarchisten ähnlich ist der unter Linken beliebte Versuch, Franco irgendwie, auf Teufel komm raus, im Faschismus zu verorten. Dies hat in der Geschichtswissenschaft seinen Ausdruck darin gefunden, eine „faschistische-​faschistisierte Phase“ wenigstens für die Anfangsjahre des Franco-​Regimes auszumachen. So bleibt für den unbedarften Leser der wissenschaftliche Schein einer sich selbst als kombattant begreifenden, linken Historiographie gewahrt.

Vollends verdreht werden die Sachverhalte von Bürgerkrieg und Franco-​Diktatur nun dadurch, dass ambitionierte „Forscher“ im Zusammenhang mit den Un– und Missetaten der „Rechten“, welche tatsächlich manchmal als Gräueltaten, Rache– und Terrorakte zu klassifizieren sind, von „Genozid“ reden. Den Damen und Herren scheint dabei niemals aufzugehen, dass es sich weiterhin um einen Bürgerkrieg handelt, den sie begrifflich nicht unterzubringen vermögen. Ihre Unwissenheit auf diesem methodologischen Gebiet, im Verbund mit ihrer rein persönlichen Beteiligung und Parteinahme, verleiht ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen und Entdeckungen erst die rechte Würze, pardon, das erwünschte moralische Pathos.

Ohne moralisches Verdammungsurteil geht es einfach nicht

Schließlich muss bewiesen werden, wie frevelhaft, gemein und ruchlos die „Rechten“ im Bürgerkrieg, und noch lange darüber hinaus, gewesen sind. Dazu gibt es zwar auch wiederum echte Beweise, genau so, wie es sie für die „Linken“ und deren Gräueltaten gibt, aber Genozid ist das speziell für die „Rechten“ reservierte Etikett, das ihrem verwerflichen Vorgehen erst die terminologische Krone aufsetzt. Das liest sich so: Die Gräueltaten und Massaker und überhaupt alle Terror– und Racheakte, verübt von Linken und Republikanern an „Rechten“ – aber auch an Nicht-​Rechten und sogar an den eigenen Leuten – seien nichts anderes als „Ausschweifungen“ gewesen, weil die „legitime“ Regierung der Republik die Kontrolle über den Konflikt verloren hatte! Die Aufständischen vom 18. Juli 1936 aber, die späteren „Franquisten“, setzen von Anfang an auf Terror und Unterdrückung, die auch von höchster Stelle – also Franco – auch so gewollt waren.

Diese „Objektivität“, die die „reinen Tatsachen“ angeblich für sich sprechen lässt, wird schließlich publikumsgerecht mit dem unverzichtbaren moralischen Ressentiment eingerieben, damit auch alles besser flutscht. Wenn sich dazu noch der richtige, nämlich der grollende republikanische Zeitzeuge findet, der seinen erwartungsvoll dreinschauenden Zuhörer, die zumal auch immer seine Souffleure sind, mit bebender Stimme zur steinernen Miene versichert: „Ja, es war ein Genozid“, dann war es das auch.

Psychologische Kammerdiener

Es ist nicht direkt alles Stuss und Lüge, was diese überprotegierten Kleinunternehmer produzieren, die sich mehrheitlich für links halten. Aus ihren Büchern kann man viele richtige Einzelheiten entnehmen, was Bürgerkrieg und Franco betrifft, und einiges ist sogar wirklich wissenswert – als Ganzes sind aber wesentlich nur ihre moralischen Ansichten und ihre Gesinnung. Und das sind eben ihre politischen Vorlieben genauso, wie ihr durch die akademische Überprotegierung verweichlichter kapitalistischer Geist. Bei genauem Hinsehen wird offensichtlich, dass sie als Historiker von Fach dem Typus „psychologischer Kammerdiener“ entsprechen, für den es keine Helden geben kann, nicht, weil es in Wirklichkeit keine Helden gäbe, sondern weil jene eben Kammerdiener sind

Objektiv gesehen ist Franco zwar kein Held, aber er ist auch kein Schurke oder Schuft, und erst recht ist er kein Monstrum. Im Gegenzug dazu aber sind die einseitigen Historiker sehr wohl psychologische Kammerdiener, die nur Augen für die Schwächen und Erbärmlichkeiten ihres „Helden“ haben. Sie schaffen es, für sich in einer Person die Rollen des psychologischen Kammerdieners, des akademische Kleinunternehmers – der Krämer der Wissenschaft – sowie des verkappte Moralisten zu vereinigen; vornehmlich aber sind sie waschechte Hofhistoriographen.

Bei Hofhistoriographie und Hofhistoriographen wird für gewöhnlich an Leute wie Treitschke gedacht, die leidenschaftsvoll parteiisch („politischer Historiker“) sind und bewusst vom Katheder über alles und jeden Gericht halten. Treitschke war bekannt dafür, die Hohenzollerndynastie zu beweihräuchern sowie dafür, den preußischen Staat zu glorifizieren. Der Hofhistoriograph hat, schon von Beruf wegen, immer etwas Schmeichler zu sein. Wie weit seine Schmeicheleien dabei gehen, hängt ganz von seiner persönlichen Redlichkeit, Würde und Überzeugung ab.

Geschichte wird so geschrieben, dass es der Demokratie schmeichelt

Zu den Schmeichlern: dank Tocqueville wissen wir, nicht nur die absoluten Monarchen haben ihre Hofschranzen und Schmeichler, von denen es sich in acht zu nehmen gilt. Die Demokratie ist eigentlich ihr idealer Adressat, gerade die Demokratie hat es am meisten nötig, geschmeichelt zu werden.

Was dem linken demokratischen Bewusstsein in Spanien nun ungemein schmeichelt, ist, wenn genüsslich die Lügen, Falschheiten und Verworfenheiten des Franquismus ans Licht gezerrt werden. Noch immer hat es zu den Vergnügungen des Pöbels jeder Nation und jeder Zeit gehört, den Verurteilen auf seinem Weg zum Richtplatz oder Pranger vorgeführt zu bekommen, und das gelingt den linken Fachhistorikern von Bürgerkrieg und Franquismus auch ziemlich gut.

Ideologischer Kampf gegen einen Toten

Zur öffentlichen Zurschaustellung gehört ebenfalls, dass pöbelhaft und feige – feige, weil mit einem „Sicherheitsabstand“ von jetzt vier Jahrzehnten – über den Verurteilten – hier: der tote Diktator – hergezogen wird. Wissenschaftlich wird der gleiche Effekt der Vorführung und Erniedrigung durch die üblichen Sophistereien und Begriffsschludereien von unredlichen oder unwissenden – oder beides zugleich – Historikern erzielt, die ihr „groß´ Publikum“ haben oder einfach nur Kasse machen wollen: Dass der Militärputsch vom 18. Juli 1936 „illegal“ war, ausgeführt gegen eine „rechtmäßige“, weil vom „Volk“ gewählte Regierung – ist eine für den Historiker unstatthafte Argumentation, die der Tatsache nicht Rechnung trägt, dass, lange bevor es zum Militärputsch kam, der gesellschaftliche Consensus sowie die nationale Eintracht in Spanien längst aufgelöst waren, und somit die bloß nur noch juridischen Kategorien, hohle Wörter eigentlich, von Legalität und Legitimität im luftleeren Raum schwebten. Von dort holen sie nach Jahrzehnten die Historiker zurück, um sie nun als Waffen in ihrem rein ideologischen Kampf gegen einen Toten ins Feld zu führen.

Die Wahrheit der Aufarbeitung

Bei der „Aufarbeitung“ des Franquismus, wie sie üblicherweise in Spanien betrieben wird, geht es also um alles andere als die Wahrheit: es geht um nichts anderes als um demokratische Rechthaberei, und das auch noch im Nachhinein, und dieser wird von Seiten der organisierten akademischen, der zünftigen Hofhistoriographie auch willig stattgegeben. Aus kluger Vorsicht wie aus plattem Gewinnstreben erklärt es sich gleichermaßen, dass dem Rechthaber, je dreister, desto mehr, recht gegeben wird, ganz so, wie es der spanische Volksmund mit dem Blöden zu tun anrät.

Und so niedrig, als von einem Blöden, muss auch die linke Historikergilde von ihrem demokratischen Herrn und Auftraggeber, dem souveränen Volk, denken, wenn man als Maßstab ihres Denkens ihr ganzes Weben und Streben, ihren Lebensberuf – oder war es doch nur ein „gemeiner“ Brotberuf? – nimmt.

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