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Kretische Impressionen

Dienstag, 17 Juni 2014 00:05 von Johannes Auer

Es gibt Landschaften, die die Sehnsüchte konservativer Geister erfüllen. Ein solcher Ort ist die Insel Kreta. Ein Reisebericht aus den vom Massentourismus noch unberührten Gegenden.

Kretas tief von traditionsreicher Landwirtschaft geprägte Struktur, die Treue der Bevölkerung zur orthodoxen Kirche und die Schönheit und Wildheit der Natur bleiben für jeden wachen Reisenden eine Augenweide. Es ist eine Insel, deren Boden sich mythologisch, christlich und ursprünglich aus dem Mittelmeer erhebt. Ihre rund 620.000 Einwohner bewohnen zutiefst geschichtlichen Boden.

Die Heimat von Zeus

Der deutsche Schriftsteller Erhart Kästner schreibt in seinem Werk Kreta aus dem Jahre 1943: „In Kreta zeigt sich das Griechische in seiner unbändigen Kraft. Wie heute noch die Insel das Alleranfänglichste des Abendlandes birgt, so ist es wohl auch zu griechischen Zeiten als das Urland empfunden worden. Fern und stolz und für sich ist Kreta Griechenlands vormächtiges Reich. Es ist die herkünftige Insel. Nirgendwo anders konnte es sein, wo Zeus geboren war.”

Auch im Mai 2014 ist die Anreise nach Kreta, konkret in die kretische Hochebene Omalos, ein Erlebnis der besonderen Art. Der Bus schlängelt sich die kurvenreiche Straße entlang von der Südküste hinauf in die Berge. Die majestätischen Weißen Berge, auf Griechisch „Lefka Ori”, erheben sich mit bis zu über 2450 Meter Höher aus dem Mittelmeer. Wir haben sie im Blick und wissen noch nicht genau, was uns auf dieser Ebene erwartet. Schlagartig wird einem klar, was Edmund Burke mit der Unterscheidung von „Erhabenem” und dem „Schönen” gemeint haben könnte. Die Berge haben noch immer eine unberührbare Aura. Es wird einem schnell klar, dass unsere Freizeitbeschäftigung „Bergsteigen” hier wohl kaum nachvollzogen werden kann. Hier ist es Pflicht und Alltag, die Berge mit den Tieren zu bewandern.

Aufstieg zum Sitz der Götter

Erschauern lösen die Lefka Ori aus, wenn man den Weg zu ihnen antritt. Denn wir begegneten beim Aufstieg kaum einem Menschen. Den Weg mussten wir oftmals suchen und wer nicht trittsicher ist, sollte den Weg erst gar nicht antreten. Es wird einem schnell bewusst, warum Bergsteigen vor dem Luxus von Bergbahnen und Straßenerschließung eine wahre „Über-​Windung” war und Berge als Sitz der Götter galten. Diese Erhabenheit ist durchaus etwas anderes als reine Schönheit. Es ist eine Art der Ehrfurcht, die einen überfällt, wenn man gänzlich den Naturgewalten ausgesetzt einen Berg emporsteigt. Dieses Gefühl gilt es auf Kreta zu erleben. Und daher bleiben auch jene Menschen fern, die ohne eigene Kraft nicht in der Lage sind, sich dem Berg zu nähern.kreta2

Gewiss ist, dass die in über 1000 Meter Höhe gelegene Ebene Omalos für die meisten Touristen lediglich eine Durchreisestation auf dem Weg zur berühmten Samaria-​Schlucht darstellt. Die wenigsten von ihnen verweilen. Und die wenigsten wissen überhaupt, welchen archaisch-​magischen Ort sie mit ihren Reisebussen streifen.

Fernab von Strandressorts und Clubs

Zum Glück: Der Massentourismus hat die Bergregionen Kretas bis heute weitgehend verschont. Dieser Umstand ist unter anderem dem mangelnden Straßennetz zu verdanken. Es hält die bequemen, wohlstandsverfetteten Touristen fern. Besonders die Sfakia, eine bis heute relativ unzugängliche Bergregion, die bis an das Libysche Meer reicht, hat sich eine Ursprünglichkeit bewahrt, die das Leben und Überleben fern vom Ausverkauf an den Massentourismus bis heute ermöglicht.

Tourismus gibt es freilich trotzdem. Und auch die Form des individuellen Reisens hat starke Schattenseiten. Dennoch ist diese Art, zumal in den Bergen und teilweise an der Südküste, ein Tourismus, der in der Hand der Einheimischen bleibt. Er stellt eine wirtschaftliche Kraft dar, die allerdings auch einiges an Wertsubstanz im menschlichen Leben gefährden kann. Im Norden, wo es Strecken mit großen Clubs und Ressorts gibt, gestaltet sich das anders. Dort entfaltet der Massentourismus durchaus seine schädlichen Kräfte.

Auf Kreta gibt es keine Wirtschaftskrise

Anopoli, ein in den Bergen der Sfakia eingebetteter Ort, ist ein Beispiel dafür, dass auch heute noch ein Leben in einer agrarischen Gemeinschaft möglich sein kann. Die Einheimischen versorgen sich hier nahezu selbst. Es gibt keinen Garten vor den kleinen, bescheidenen und wunderschönen Häusern, in welchem nicht alles angebaut wird, was der Alltag verlangt: Kartoffeln, Tomaten, Artischocken, dazwischen herrlich duftende Rosen, ein wenig Wein, schmackhafte Oliven und auch etwas Getreide. Wer mit wachem Auge durch die Sfakia reist, oftmals zu Fuß, versteht, warum Kreta die sogenannte Wirtschaftskrise nahezu unbeschadet überstanden hat. Auf Kreta hat man niemals die agrarische Lebensweise aufgegeben, die eine Lebensweise einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft entspricht.

Es gibt keine Industrie, oder kaum eine nennenswerte, daher kann es auch keine Krise im engen Sinne geben. Die kretische Gesellschaft hat nicht jene Selbstständigkeit verloren, die ein Überleben in den beinahe autarken Gemeinschaften erst ermöglichte. Was man nicht selbst produzieren kann, wird durch Tausch oder im kleinen Rahmen von Handwerksbetrieben bezogen. Auf Kreta wird deutlich: Es ist die Industrialisierung, die die Menschen über die Daseinserhaltung hinaus erst handlungsunfähig macht.

Anm. d. Red.: Der zweite Teil des Reiseberichts von Johannes Auer folgt kommende Woche.

Oberes Bild: Lefka Ori, die „Weißen Berge” /​flickr​.com /​Uwe Niederberger/​(cc)

Unteres Bild: Die kleine Gemeinde Chora Sfakion, Hauptort der Region Sfakia /​GothPhil /​(cc)

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