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Wie Europa christlich wurde

Montag, 28 Oktober 2013 09:07 von Dirk Taphorn

Bis Sonntag läuft in Paderborn die CREDO-​Ausstellung. Letzte Gelegenheit, sich über die Christianisierung Europas zu informieren. Der Besuch der drei Museen lohnt sich.

Gibt es irgendein geheimes Übereinkommen, daß Ausstellungen nur etwas für alte Leute sind? Wer nach Paderborn kommt, sieht sich bestätigt – Ausstellungen sind vor allem Seniorenmagneten. Völlig zu unrecht!

Es ist verdammt voll. An einem Samstagvormittag schieben sich vorwiegend Besucher der Altersgruppe 60plus, tendenziell 70plus, durch die Räume des Diözesanmuseums in Paderborn. Freude kommt auf bei jedem Gesicht unter 50. Unter der Woche traut sich hin und wieder mal eine Schulklasse in die Räume. Dabei hat die großangelegte Schau über den Beginn und die Ausbreitung des Christentums in Europa viel zu bieten.

Authentische Originale

Es ist die erste Station der dreigeteilten CREDO-​Ausstellung, deren andere Teile im Museum in der ehemaligen Kaiserpfalz sowie der Städtischen Galerie Abdinghof zu sehen sind. Das Motto dieser Station ist „Lux Mundi“, das „Licht der Welt“. Auf zehn Ebenen geht es um die Ausbreitung des Christentums vom alten Rom bis nach Germanien und Skandinavien. Der zeitliche Rahmen reicht bis ins 11. Jahrhundert. Das zentrale Dokument zur Antike ist ein Stück Papyrus, das einen Brief des Apostel Paulus an die Römer enthält. Von hier geht es zum Heidentempel im schwedischen Uppåkra durch ‒ alles anhand vieler einzigartiger Originalausstellungsstücke.

Heidnische Bräuche und Christentum kombiniert

Die Kultstätte in dieser Siedlung aus der Eisenzeit wurde bald durch das christliche Bistum im nahegelegen Lund abgelöst. Doch bis es soweit ist, wird der Besucher über die Christianisierung Englands und Irlands informiert. Beeindruckend ist, wie vor allem die anglo-​irischen Mönche die einstige Strafe des Exils zur Tugend machten. Denn sie missionierten ihre alte Heimat Germanien. Dabei gab es nicht nur die Bekehrung mit dem Schwert unter Karl dem Großen. Papst Gregor II. erteilte seinen Missionaren die Anweisung, heidnische Bräuche und Orte in die Mission zu übernehmen und ließ sie so zum Erfolg werden.credo2

Es bleibt schwer, sich umfassend darüber zu informieren: Die älteren Herrschaften bevorzugen heute offensichtlich die Gruppenführungen, mit der die Einzelbesucher immer wieder kollidieren. Aber die Führungen kratzen eher an der Oberfläche. Mit nur wenig Geduld wird man von der Gruppe bald überrundet und bekommt einige Wortfetzen der Führer mit. Wer sich den Wandtexten und Tafeln zu den Ausstellungsstücken intensiver widmet, muß pro Station zwei Stunden einplanen. Besonders interessante Stücke sind außerdem der Stab aus dem Grabe einer germanischen Seherin, zahlreiche Schmuckgegenstände und bibliophile Schätze. Die weitreichenden kulturellen Beziehungen durch ganz Europa fallen immer wieder deutlich ins Auge.

Missionierung der Slawen

Weiter geht es in der zweiten Station, die in der Kaiserpfalz unter dem Leitsatz „In Hoc Signo“, „Unter diesem Zeichen“, steht. Am Eingang schimpft eine alte zierliche Dame über ihre 600 Kilometer lange Anreise mit ihrem Mann, der im Rollstuhl sitzt. Denn wahrlich barrierefrei ist die Kaiserpfalz nicht. Dieser Abschnitt der Ausstellung ist für das Ehepaar frühzeitig beendet. Da nutzt der Dame auch nicht der erboste Hinweis auf das lebenslange Zahlen von Kirchensteuern: Das altehrwürdige Gemäuer wurde den Anforderungen der Massenbesucher noch nicht angepaßt.

Drinnen geht es um die Missionierung Osteuropas und der Slawen. Uns begrüßt ein Nachbau einer Svantevit-​Statue. Sein Hauptheiligtum Arkona stand einst auf Rügen. Ungarn, Polen, Bulgaren, Kroaten, Sorben und weitere werden in ihrer heidnischen Lebensweise vorgestellt. Dann wird ihr Bekehrungsprozeß geschildert. Dabei wußten die slawischen Fürsten sehr gut zwischen Byzanz und Rom zu taktieren: Man nahm das Bekenntnis dessen an, der mehr Macht und Schutz versprach.

Erinnerungen an den US-​Imperialismus

Wurde diese Schutzmacht dem Fürsten zu einflußreich, setzte er ebenso auf ein Bündnis mit der anderen christlichen Weltmacht. So konnte es kommen, daß ein Land erst von Byzanz aus missioniert wurde, um sich schließlich auch römischen Missionaren zu öffnen. In Osteuropa gab es die Schwertmission ebenso wie die Mission durch das Wort. Pikant ist jedoch, daß auch die bitteren klerikalen Kritiker der gewaltsamen Bekehrung dafür plädierten, die Grundlage der friedlichen Mission mittels Krieg und Gewalt zu bereiten. Unweigerlich liegt ein Hauch moderner US-​Außenpolitik in der Luft.

credo3Anhand von herrlichen Fundstücken einer alten Slawenburg wird die Christianisierung in Brandenburg und Mecklenburg-​Vorpommern geschildert. Die Missionierung der in diesen Gebieten ansässigen Elbslawen zog sich z.T. bis ins 14. Jahrhundert.

Der Rückblick der Moderne

In der dritten Station „Quo Vadis?“, „Wohin des Weges?“, in der städtischen Galerie am Abdinghof lassen wir uns darüber aufklären, wie vom 19. Jahrhunderts bis hin zu den nationalsozialisten mit dem christlichen Erbe Europas umgegangen wurde. Als Einstimmung darauf dienen einige Monumendal-​Gemälde, die Karl dem Großen huldigen oder ‒ konträr ‒ Herzog Widukinds Widerstand gegen den „Sachsenschlächter“ Karl verherrlichen.

Ein französisches Gemälde steht für das ewige Debakel völlig unnötiger deutsch-​französischer Erbfeindschaft. Der aus dieser Sicht natürlich französische Nationalheld Charlemagne unterwirft die deutschen Barbaren unter Herzog Widukind. Die geschichtspolitische Deutung und Vereinnahmung der Frage nach der Christianisierung Europas gipfelt in der Ausstellung in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Sicht auf das Thema. An manchen Stellen scheint die „Aufarbeitung“ allerdings ein wenig übergründlich. So bleiben doch einige Fragen offen, wenn jegliche Ansichten und Hinweise zurückgewiesen werden, die in der Felsformation der Externsteine auch eine vorchristliche Kultstätte vermuten.

Auch an anderen Stellen scheint der volkspädagogische Eifer manchmal etwas stark durch, etwa wenn von Ludwig Fahrens Gemälde Der Sieg des Lichts über die Dunkelheit eine direkte Linie zur Germanenbegeisterung der Nationalsozialisten gezogen wird. Dennoch ist die Ausstellung in den meisten ihrer Teile rundum gelungen.

Den Spießern ist es zu kalt

Der konservative Besucher weiß die zum Glück nicht allzu häufigen Verneigungen der CREDO vor dem Zeitgeist macht, gut einzuordnen. Sie werden ihm die Ausstellung nicht vermiesen, sondern als lustige Anekdote in Erinnerung bleiben. Unsere Bitte anderer Art an die Ausstellungsmacher der CREDO: Bitte veröffentlichen Sie die Gästebücher der Ausstellung als Sammelband! Sie geben einen tiefen Einblick in das kleinbürgerliche, miefig-​spießige deutsche Querulantentum. Es ist unfaßbar, wie kleinlich sich zahlreiche Gäste derart verewigten, um einzig und allein zum Teil seitenweise niederzuschreiben, was ihnen alles nicht gefiel. Sei es auch nur, dass es in den mittelalterlichen Gebäuden zu kalt war.

Wer sich auf die Ausstellung einläßt, sollte einige Zeit mitbringen. Alle drei Standorte erfordern sicherlich zusammen sechs Stunden. Ausstellungstücke wechseln sich mit Film– und Hörstationen ab. Wer nicht lesen mag, kann einen plärrenden Elektroführer mit sich herumschleppen, einen „Audio Guide“. Günstig ist die Ausstellung definitiv: Schüler und Studenten zahlen nur 5 Euro Eintritt. Trotz der verwöhnten Rentnerschwärme lohnt sich ein Besuch.

Hier geht es zur Seite der Ausstellung, die noch bis zum 3. November zu besichtigen ist.

Titelbild: Städtische Galerie Abdinghof — Rezeption der Christianisierung im Mittelalter

Bild 2: Kaiserpfalz — 200 Jahre Krieg

Bild 3: Zeremonienschwert/​© Klagenfurt, Landesmuseum für Kärnten

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