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Tier– und Menschenwürde zugleich: Der Wandel der Moralphilosophie

Samstag, 05 November 2011 16:19 von Marc Zöllner

Moralphilosophie ist die Suche nach der Erkenntnis, warum seit Kant nichts Neues kommt. Mit der Formulierung des kategorischen Imperativs scheint diesbezüglich bereits alles gesagt. Und doch stimmt das so nicht ganz. Nicht einmal ansatzweise. Moralphilosophie, das ist vielmehr die verwirrende Erkenntnis, wie subjektiv auslegbar wissenschaftliche Schlussfolgerungen sein können. Zugleich verdeutlicht sie, warum sich nur wenige Menschen an scheinbar allgemeingültige Regeln halten.

An sich sind Menschen logisch denkende Wesen. Sie üben sich im Prozess von Versuch und Irrtum. Sie lernen, gefühlte Schmerzen, etwa beim unvorsichtigen Betasten einer Herdplatte, nicht nur mit dem realen Erlebnis, sondern sämtlichen Herdplatten dieser Welt zu assoziieren. Die Menschen denken systematisch, abstrahieren gelerntes in Symbole. Und sie verstehen es, sich in das Leid anderer hineinzuversetzen. Sie sind empathisch.

Die Existenz der Moralphilosophie widerlegt die Idee natürlicher Vernunftbegabung

Trotz alledem bedarf es der Moralphilosophie in Gestalt eines Fundaments sozialen Umgangs. Warum benötigen Menschen eine Anleitung für das Miteinander? Weshalb bedürfen sie überhaupt einer Begründung für Lob und Tadel gewisser Verhaltensnormen? Wieso durchschreiten sie die Tiefe, kausale Erkenntnisse zur Wissenschaft zu erheben? Dem wohlgesinnten Anthropologen entziehen sich die Antworten. Die alleinige Existenz der Moralphilosophie genügt, um die These einer natürlichen, gewissermaßen a priori vorausgesetzten menschlichen Vernunftbegabung zu widerlegen.

Fest steht: Der Mensch bedarf klarer, bis in die kleinsten Facetten seines Handelns austarierter Regeln für die Interaktion mit seinem Gegenüber. Dies äußert sich in den Sanktionierungen Lob, Tadel und Strafe. Sie gestalten nicht allein sein moralisches Bewusstsein von Recht oder Unrecht, sondern schützen seine Mitmenschen auch vor den fatalen Folgen eigener Taten. Doch diese Sanktionierungen wirken nur eingeschränkt. Trotz der Erklärung der Menschenrechte von 1789 werden auch heute Millionen von Menschen ermordet, gefoltert, vergewaltigt und verstümmelt. Der Mensch bleibt, wie es Thomas Hobbes 1642 bereits konstatierte, seines Mitmenschen Wolf: Homo homini lupus.

Der Mensch weiß, dass er falsch handelt

Warum der Mensch bezüglich moralphilosophischer Fragen im Umgang mit seinen eigenen Artgenossen nicht hinzulernt, ist simpel zu beantworten. Er weiß bereits von Vornherein, dass er falsch handelt. Es ist ihm nur schlicht egal. Und da, wo das Gewissen ihn als Täter nicht nachträglich Mitleid empfinden lässt, beginnt er, sich nachträglich von seinen Opfern als Spezies abzugrenzen. Dieser Gedankengang beinhaltet keine neue Erkenntnis. Er basiert auf realpolitischen wie kriminologischen Erfahrungen aus tausenden Jahren Menschheitsgeschichte.

Diese Abgrenzung, die Degradierung des Opfers zum artfremden Wesen, funktioniert nicht nur in welthistorischen Barbareien wie dem Völkermord an den europäischen Juden oder jenem in Ruanda, sondern auch in Alltagsentscheidungen. Beispiele existieren zur Genüge: Der Bettler, vor welchem man, statt ihm in Nächstenliebe zu spenden, lieber aus Verachtung und Ekel die Straßenseite wechselt. Die in der Bar sexuell belästigte Frau, der man heimlich den viel zu kurzen Rock sowie ihren laxen Umgang mit anderen fremden Männern, nur nicht mit einem selbst, zum Vorwurf erhebt. Der lästig gewordene Hund, welchen man in der Kälte an den Straßenrand bindet, weil er das eigene Wohlbehagen stört. All dies sind Beispiele für Rassismen, im neuzeitlichen Umgang als Kollektiv mit dem Nutz– und Schlachttier gelernt und auf den Menschen neu konstruiert.

Fleischverzehr: „Der Holocaust auf Ihren Tellern.”

Allein hier ergab sich die letzten Jahrzehnte insbesondere aufgrund der Erfahrungen mit dem Holocaust ein interessanter Paradigmenwechsel. Basierend auf der Aussage des Philosophen Theodor W. Adorno, dass Auschwitz bereits da beginne, „wo einer im Schlachthof steht und sagt, es sind ja nur Tiere”, provozierte der australische Ethiker Peter Singer in seinem 1993 erschienenen Werk Menschenrechte für die Großen Menschenaffen mit der Frage, wie es denn trotz der empathischen Erkenntnis, im Unrecht zu handeln, moralisch noch vertretbar sei, selbst im metahumanen Bereich nach Spezies zu kategorisieren und so nach Würde und Unwert für Würde zu unterscheiden.

Für seinen gemeinsam mit namhaften Biologen wie Richard Dawkins und Jane Goodall erarbeiteten Vorschlag, mit der Verleihung fundamentaler Grundrechte für Großaffen eine tiefenwirksame gesellschaftliche Debatte über die Würde von Mensch und Tier zu etablieren, wurde Singer nicht nur, abseits der zu erwartenden Kritik diverser Tierversuchslabore, im Sommer 2011 mit dem Giordano-​Bruno-​Preis für Ethik ausgezeichnet. Er verhalf der Tierrechtsorganisation PETA überdies nur wenige Jahre vorher zu einer ihrer werbewirksamsten Kampagnen in Deutschland. Auf provokativ gestalteten Postkarten und Plakaten wagte die Organisation provokante Vergleiche: Bilder von Legebatterien, von Barackenbetten aus Buchenwald, von ausgezehrten Ziegen, von abgemagerten Opfern der Shoah. Titel der Kampagne: „Der Holocaust auf Ihren Tellern.”

Ob nun die unsägliche Redensart der „Vernichtung durch Arbeit” jener in sich ebenso unsäglichen Begriffsbildung der „Fleischproduktion” überhaupt gegenübergestellt werden kann oder darf, ist frei zu entscheiden. Ein antisemitisches G’schmäckle hatte es den Klägern vom Zentralrat der Juden, dem österreichischen Obersten Gerichtshof ward es, entgegen der Beschlüsse des deutschen Bundesverfassungsgerichtes, mit dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt. Zwei sich diametral gegenüberstehende Urteilsbegründungen; zweifelsohne. Und wie man die Argumentation auch wenden mag, das Grundproblem bleibt bestehen. So wurden allein in Deutschland seit Januar 2008 fast zwei Milliarden Tiere zur Herstellung von Lebensmitteln getötet.

Der Wandel der Moralphilosophie: Von den Menschenrechten zur speziesübergreifenden Würde

Ob der Verzehr von Tieren ethisch gerechtfertigt ist oder einer Notwendigkeit bedarf, soll an dieser Stelle nicht geklärt werden. Dies fällt in die individuelle Entscheidungsgewalt. Dass allerdings die Debatte um allgemeine wie spezifische Rechte für Tiere sowie den möglichst würdigen Umgang mit diesen nicht mehr nur ökotopisch angehauchten Veganern vom linken Rand vorbehalten ist, sondern seinen Einzug in den medialen Diskurs breiter Bevölkerungsschichten fand, kann Singer, PETA und der Umweltschutzbewegung im Allgemeinen hoch angerechnet werden.

Moralphilosophie tritt also nicht seit Jahrhunderten auf der Stelle. Sie wandelt sich von der Frage nach dem ethisch korrekten Umgang der Menschen miteinander hin zu jener nach dem besten Wege, speziesübergreifend auch dem Tier Würde zukommen zu lassen. Um mit den Worten Johann Wolfgang von Goethes zu schließen: „Die religiöse Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, umfasst natürlich auch die Tierwelt und legt dem Menschen die Pflicht auf, die unter ihm entstehenden Geschöpfe zu ehren und zu schonen.” Das Fundament dieser Erkenntnis bleibt die Moralphilosophie.

Bild: flickr​.com/​d​a​n​i​l​o​l​a

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