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Die Macht des Sexismus

Dienstag, 11 Oktober 2016 10:50 von Gereon Breuer
Donald und Melania Trump, von: Marc Nozell, CC BY 2.0 Donald und Melania Trump, von: Marc Nozell, CC BY 2.0

Macht macht sexy. Das wissen amerikanische Politiker ebenso wie deutsche. Ausgerechnet der Selfmade-​Kandidat Trump könnte daran nun scheitern.

Sex und Politik sind eine heikle Verbindung. Niemand wüsste das besser als Bill Clinton. Seine Chancen, deshalb „First Gentleman“ der USA zu werden, sind aber in den letzten Tagen gestiegen. Das ist weder sein eigener Verdienst noch der seiner Ehefrau Hillary. Verantwortlich sind die Medien und insbesondere die linksliberale Washington Post. Diese hat wohl nicht ohne Hintergedanken ein Video aus dem Jahr 2005 ausgegraben, in dem sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump angeblich abfällig gegenüber Frauen äußert. Unter anderem sagt Trump in dem Video, er fühle sich „automatisch“ zu schönen Frauen hingezogen. Er „fange einfach an, sie zu küssen (…). Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie es zu. Du kannst alles machen.“

Eine Frau, die gegen ihren Willen von Trump geküsst wurde und das als „frauenfeindlich“ empfunden hätte, konnte bisher nicht gefunden werden. Und ganz unabhängig davon, wie Trumps Äußerungen moralisch zu bewerten sind, zeigen sie die auch sexuellen Möglichkeiten, die ein Star und überhaupt jeder Machtmensch hat. Auch hierüber ist in den USA kaum jemand besser im Bilde als Bill Clinton. Denn ob er mit Monica Lewinsky eine sexuelle Beziehung hätte eingehen können, wenn er nicht zufällig Präsident der USA, sondern Müllmann oder Pommes-​Verkäufer gewesen wäre, darf ernsthaft bezweifelt werden. Macht und Geld sind für viele Frauen eben besonders anziehend.

Macht macht auch deutsche Politiker sexy

Das ist in Deutschland keineswegs anders als in den USA. Eines der traurigen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit ist hier die von der Affäre zur Ehefrau mutierte Bettina Wulff. Die fand ihren Christian eigener Aussage zufolge erst dann attraktiv und für eine Beziehung interessant, als dieser niedersächsischer Ministerpräsident wurde. Als First Lady an der Seite des Bundespräsidenten erlebte sie dann die Krönung ihrer Karriere als „Gesellschaftsdame“.

Der Rücktritt ihres Mannes bedeutete dann auch das Ende dieser Karriere, was sie ihm mit einer vorübergehenden Trennung heimzahlte. Mittlerweile sollen die beiden allerdings wieder glücklich liiert sein. Da war das üppige Ruhegeld eines ehemaligen Bundespräsidenten offensichtlich kein schlechter Anreiz. Frauen wie Bettina Wulff gibt es in Deutschland auch in weitaus jüngerem Alter. Sie sollen vor allem auf den Parteitagen von CDU und SPD „Jagd“ auf die Spitzenkandidaten machen, von deren Macht sie zu profitieren hoffen. Was bei einer Band als „Groupie“ durchgeht, kann für einen deutschen Politiker jedoch das Ende der Karriere bedeuten. So musste Christian von Boetticher im August 2011 seinen Rücktritt als Landeschef der schleswig-​holsteinischen CDU verkünden, weil er eine Liebesbeziehung mit einer 16-​Jährigen gehabt hatte. Weil er auch Spitzenkandidat für die Landtagswahl im darauffolgenden Jahr war, stand die CDU plötzlich ohne Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten dar.

Der „Herrenwitz“ als Sexismus

Auch was angeblich sexistische Äußerungen betrifft, stehen deutsche Politiker einem Trump oder einem Clinton in nichts nach. So nervte die deutsche Medienöffentlichkeit ihre Konsumenten Anfang 2013 wochenlang mit der Berichterstattung über den angeblichen Sexismus von Rainer Brüderle. Der hatte der Stern-​Journalistin Laura Himmelreich mit dem Satz „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ zu ihrer Oberweite gratuliert. Ähnlich wie jetzt im Fall Trump war diese zum Skandal aufgeblasene Nettigkeit aber nicht sofort publik gemacht worden. Die Journalistin hatte gut ein Jahr damit gewartet, um im Jahr der Bundestagswahl einen gewünschten Effekt zu erzielen.

Mit ihrem Buch Dann mach doch die Bluse zu verfasste die Journalistin Birgit Kelle eine der wenigen ernst zu nehmen Debattenbeiträge zu diesem manipulativen Einsatz von Brüderles Äußerung. Eine Frau kann eben doch etwas dafür, wenn ihr ein Mann in den Ausschnitt glotzt. Als der mittlerweile heilige Papst Johannes XXIII. noch päpstlicher Nuntius in Paris war, da saß ihm bei einem Diner in der Nuntiatur einmal eine Frau mit einem tiefen Ausschnitt gegenüber. Von seinem Tischnachbarn darauf angesprochen, ob ihn dieser Anblick nicht irritiere, ließ er einen Apfel bringen und überreichte diesen der Frau mit den Worten: „Als Eva von dem Apfel gegessen hatte, da erkannte sie, dass sie nackt war.“ Die Erkenntnis, dass ein allzu freizügiger Kleidungsstil den weiblichen Körper in die Nähe der Prostitution rückt, ist heute noch weniger verbreitet als damals.

Trumps Äußerungen taugen nicht zum Skandal

Wenn sich eine Frau von einem Trump küssen lässt, dann ist mindestens auch danach zu fragen, ob sich die Frau nicht besser hätte wehren sollen. Und wenn eine Frau einem Brüderle ihren Ausschnitt präsentiert, dann muss die Frage erlaubt sein, ob weniger nicht doch mehr gewesen wäre. Jede Frau hat es selbst in der Hand, ob sie sich in dieser Weise prostituieren möchte. Zudem sollte sie sich Gedanken darüber machen, ob ihr die Macht und das Geld eines Mannes mehr wert sind als ihr eigenes Selbstwertgefühl. Trumps Äußerungen sollte deshalb niemand skandalös finden. Viel eher sollte die Öffentlichkeit an der Widerstandslosigkeit Anstoß nehmen, mit der dieses Verhalten rechnen kann, wenn es ein „Star“ an den Tag legt. Das wäre das Thema, über das die Medien im Zusammenhang mit Trumps Äußerungen hätten berichten sollen.

Aber „hätte“ steht nicht zur Debatte. In Trumps Lager hat dieses miese Spiel auch Unterstützerinnen nicht gegen den Präsidentschaftskandidat aufgebracht. Eine von ihnen wird in der FAZ vom 11. Oktober mit folgenden Worten zitiert: „Trumps Worte (…) waren rau, drastisch und widerlich – aber nichts, was die meisten Frauen nicht schon einmal gehört hätten. (…) Was mich schon mehr überrascht hat, ist die Scheinheiligkeit, Heuchelei und die gespielte Empörung der Politiker. (…) Vermutlich denken sie immer noch, dass Amerikaner leichtgläubig sind. Aber die Politiker haben ihre Finger schon seit langer Zeit nicht mehr am Puls der Amerikaner.“ Bleibt zu hoffen, dass der Puls der Amerikaner am Ende wahlentscheidend sein wird.

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