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Angesichts dieser Zustände würde allein der gesunde Menschenverstand weiterhelfen

Samstag, 20 September 2008 04:00 von Gerhard Lippert

GefängnisEs erregt immer wieder die Gemüter der Menschen, wenn sie die Urteile unserer Gerichte betrachten und sehen müssen, wie undenkbare Verbrechen mit acht Jahren Haft abgegolten werden, wie Jugendliche nach dutzenden Straftaten immer noch mit Kuschelpädagogik angegangen werden und wenn unmögliche Rechtfertigungen oder Stereotypen wie die „schlimme Kindheit“ in die Diskussion eingebracht werden. Vor einigen Jahren war eine Debatte über neue Erkenntnisse der Neurobiologie entbrannt. Die Wissenschaftler hatten durch eingehende Untersuchungen des Gehirns festgestellt, daß Mörder einen verkleinerten vorderen Stirnlappen haben und sie, salopp formuliert, für ihre Taten nichts können. Es war ernsthaft über Konsequenzen nachgedacht worden, die in der Frage mündeten, ob man Mörder nicht generell freisprechen müsse.

Kein Freispruch für Mörder

Diese Überlegung ist so ungeheuer, daß sie nicht nur auf Widerspruch und Empörung bei jedem Menschen stoßen müßte, der über ein natürliches Gerechtigkeitsgefühl verfügt. Es wäre die wissenschaftliche Verbürgung eines niedersten Materialismus, der die Grundfesten sittlicher Ordnung zerstört. Einer wissenschaftlichen Zurückweisung der Willensfreiheit muß eine emphatische Bejahung der Willensfreiheit entgegengesetzt werden, will man Kultur und Metaphysik vor ihrer endgültigen Auflösung bewahren.

Nun war das Beispiel gewiß ein sehr harsches, aber ist der Gedanke, Mörder nicht verurteilen zu dürfen, kein Einzelfall, sondern spiegelt sich in vielen relativistischen Ausführungen der Vergangenheit wider. Thomas Mann etwa wußte sehr gut darüber zu berichten. In seinen 1918 erschienenen „Betrachtungen eines Unpolitischen“, eine konservative Kampfschrift jener Weltkriegsjahre, opponierte er gegen die „moralische Verkitschung der Welt und des Lebens“ durch westlerische Demagogen mit ihrem Humanitarismus und verteidigte beispielsweise die Todesstrafe gegen allzu sentimentale Erwägungen ihrer Gegner.

Damals war sie noch getreu dem Kantischen Denken („Hat er aber gemordet, so muß er sterben“) im Geiste der Menschen verankert, während sie in unserer heutigen rechtlich-​moralischen Ordnung undenkbar geworden ist. Aber es geht noch weiter: Vehement verneint Thomas Mann die absurde Ansicht, das christliche „Richtet nicht!“ sei wortwörtlich anzuwenden. Vielmehr deute es auf ein „letztes und höheres Unvermögen“ des Menschen hin, das freilich nicht von der Last befreie, Verbrecher verurteilen zu müssen.

Nur die Schuld erkennt die Freiheit an

Am Begriff der Schuld müsse festgehalten werden, ja erst mit der Schuld erkennt man überhaupt die Freiheit des Individuums und damit seine Selbständigkeit an. Wenn man andauernd von der schwierigen Kindheit des Täters schwadroniert, dann bedeutet dies zu Ende gedacht, man setzt ihn in absolute Abhängigkeit zu diesen früheren Verwerfungen und negiert die Freiheit seines Charakters und seiner Seele völlig – wenn nicht gar die Existenz der Seele überhaupt, wie es die moderne Psychologie selbstverständlich tut. Der Mensch ist hier keine Persönlichkeit mehr, sondern ein soziales Produkt.

Die Entfaltung einer Persönlichkeit aber ist maßgebende Aufgabe der Bildung. Doch auch dieser Begriff ist in den letzten Jahrzehnten derart eingeengt und entwertet worden, daß er zumeist nur noch als Synonym für Wissensvermittlung verstanden wird und Bildung ansonsten ein probates Mittel für politische Beeinflussung darstellt; die Vermittlung eines tendenziösen Geschichtsbewußtseins verdeutlicht es. Daß aber auch Herzensbildung, Charakterprägung oder Transzendentes Bestandteil der Bildung bzw. der ihr vorangehenden Erziehung sein müssen, wird zugunsten einer rein akademischen und emanzipatorischen Orientierung vergessen.

Die Gemeinheiten im Leben nehmen kein Ende

Heutzutage ist insgesamt eine stetige Zunahme von großen und kleinen Gemeinheiten, in der Straf– wie in der Zivilgerichtsbarkeit, zu verzeichnen, obwohl der allgemeine Wohlstand so groß wie niemals zuvor ist und der Sozialstaat allen Menschen einen auskömmlichen Lebensunterhalt garantiert. Es liegt der Gedanke nicht allzu fern, daß die sukzessive Auflösung des kulturellen Zusammenhangs und ein ungenügendes oder falsches Bildungsideal von immenser Bedeutung für diese Entwicklung sind.

Ein solches Ideal besteht zum Beispiel darin, daß ein Gericht im Menschen selbst verankert ist und die Verurteilung nicht erst vor der Strafkammer beginnt. Selbst wenn die Unvollkommenheit und Niedertracht des Menschen durch das ewig notwendige Vorhandensein der Justiz nicht aus dem Blickfeld gerät und gerade ein Konservativer niemals der Utopie ewiger Güte unter den Menschen verfallen wird, so ist gerade auf die ästhetische Dimension dieses Gedankens hinzuweisen und darauf, daß kein äußeres System, keine humane Staatsdoktrin und auch keine Appelle die Welt retten können, sondern daß eine Besserung nur im Menschen selbst einsetzen kann. Demut als Selbsterkenntnis und Anerkennung des Göttlichen, nicht als Demütigung, ist das natürliche und wirkungsvollste Korrektiv im Menschen.

Unser Gerichtssaal im Innersten

Dostojewski, den Thomas Mann gern zitiert, verlangt: „Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken betreten, daß auch uns Schuld trifft, und eben dieser Schmerz des Mitleids, den jetzt alle so fürchten und mit dem wir den Saal wieder verlassen, wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz echt und tief ist, so wird er uns besser machen, und nur, wenn wir selbst besser werden, machen wir das Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt nur auf diese Weise das Milieu verbessern kann.“

Es gilt also, dem Individuum einen ethischen Kanon einzuimpfen, der immer auch auf die eigene Unzulänglichkeit verweist – nicht um seinen Stolz zu untergraben, sondern um ihn in höhere Sphären zu heben. Nichts anderes bedeutet Karlheinz Weißmanns Postulat, „daß auf Erziehung Selbsterziehung folgt, nicht Unerzogenheit“. Der Erzogene erkennt sich selbst, indem er sich einer ständigen Reflexion unterzieht. Diese Reflexion löst den Drang aus, sich selbst zu bessern, läuft aber auch Gefahr, in Neurosen umzuschwenken.

Goethe wußte darum, als er in seinen „Reflexionen und Maximen“ schrieb: „Wenn ich die Meinung eines anderen anhören will, muß sie positiv ausgesprochen werden; Problematisches habe ich in mir selbst genug.“ Das Problematische aber ist das Resultat von Persönlichkeit, von Bildung: Man weiß sich und die Dinge recht einzuordnen, man kennt beide Seiten der Medaille. Das Bild des großen Staatsmanns oder Philosophen, der aber innerlich ringt und fast verzweifelt, veranschaulicht vielleicht am besten diesen Zusammenhang von Bildung und Problem, von Erkenntnis und Verzweiflung.

Die geistesgeschichtliche Dimension

Es wird deutlich, daß das Bildungsproblem nicht allein von der Warte irgendeines soziologischen Standpunktes aus betrachtet werden kann: das wäre zu flach und materialistisch. Es muß vielmehr als Ausdruck einer kulturellen und geistesgeschichtlichen Gesamtlage verstanden werden, in der sich sowohl die sittlichen Imperative als auch die schöpferisch-​transzendenten Kräfte immer mehr verflüchtigen. Welcher einsichtsvolle Mensch möchte den Zustand seelischer Ohnmacht und frivoler Geistlosigkeit leugnen? Wenn eine Kultur zunehmend auf Infantilismen beruht und die einzige Tugend die ruchlose Sucht nach Geld, Spektakel und Öffentlichkeit zu sein scheint, dann wird das die Substanz vergangener großer Epochen restlos verbrauchen. Das Leben wird, um Thomas Mann wieder aufzugreifen, „um allen Ernst, alle Würde, alle Schwere und Verantwortlichkeit“ gebracht und niemals waren diese Worte treffender als im Hinblick auf unsere oberflächliche Dekadenzgesellschaft.

Der freie gebildete Mensch muß sich absondern können, um dem Zeitgeist auf die Finger zu schauen. Er muß aber auch ebenso ehrfürchtig sein gegenüber dem Überlieferten, der Macht historischer Prozesse und der Vergänglichkeit allen Lebens. Die Bildungsfrage ist in erster Linie eine Frage nach der inneren Form des Einzelnen, nach seiner charakterlichen Verfaßtheit durch Erziehung und persönliche Anlage. Sie bleibt ewig aktuell und sollte endlich wieder eine ästhetische Dimension annehmen und keine rein soziale oder technokratische wie heute.

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