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Nein zum Boykott-​Karneval der Pseudo-​Menschenrechtler

Donnerstag, 27 März 2008 02:00 von Daniel L. Schikora

In der Debatte über einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele in Peking wird vielfach auf das Beispiel des Boykotts der Olympiade in der sowjetischen Hauptstadt durch westliche Mächte – einschließlich der Bundesrepublik Deutschland – im Jahr 1980 verwiesen, und zwar häufig in affirmativer Absicht. Der damals amtierende Bundeskanzler Helmut Schmidt hat sich nun mit einer Stellungnahme zu Wort gemeldet, die bei boykottfreudigen Gutmenschen nur auf mäßige Begeisterung stoßen dürfte: Tatsächlich habe ich den westlichen Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau von Anfang an und bis heute für sinnlos und schädlich gehalten, ebenso wie die heutigen Vorschläge für einen Boykott der Olympischen Spiele 2008 in Peking.

Dass die Bundesregierung des Jahres 1980 gleichwohl dem heftigen Drängen des US-​Präsidenten Jimmy Carter gefolgt ist, war begründet in der strategischen Erwägung, dem ohnehin gespannten Verhältnis zur damaligen amerikanischen Führung nicht noch einen weiteren Konflikt hinzufügen zu dürfen; denn angesichts der sowjetischen Raketendrohung waren die Bundesrepublik und Westberlin existentiell auf die Schutzmacht USA angewiesen.” („Strategische Erwägung”, Leserbrief, SZ vom 22./23./24.3.2008)

Stigmatisierung eines Aggressorstaates?

Diesem Urteil könnte entgegnet werden, daß der Boykott der Olympischen Spiele 1980 durchaus etwas gebracht hat, nämlich die Stigmatisierung des Gastgebers, der UdSSR, als eines Aggressorstaates, der mit Afghanistan ein friedliebendes muslimisches Land mit Krieg überziehe. Selbstverständlich begünstigte der öffentlichkeitswirksame Boykott gegen „Moskau” somit auch die Verherrlichung jener islamischen „Freiheitskämpfer”, die bereits vor dem offenen militärischen Eingreifen der Sowjets im Dezember 1979 terroristische Anschläge auf „gottlose” zivile Einrichtungen, wie etwa Schulen oder Krankenhäuser, wo auch Frauen arbeiteten, unternommen hatten. Das dröhnende Schweigen linker wie rechter Freunde islamistischer „Freiheitskämpfer“ (nicht nur) in Afghanistan zu der sich dort vollziehenden systematischen Negation aller Menschen– und Bürgerrechte in den 1990er Jahren ist bekannt.

Die radikalsten Elemente innerhalb des – seitens der USA, des Iran, Pakistans und Chinas unterstützten – islamistischen Widerstandes von Afghanen und Nichtafghanen (unter den letzteren auch Osama Bin Ladin) konnten 1996 mit Wohlwollen des Westens die afghanische Hauptstadt Kabul erobern. Ihrem theokratischen Terrorregime fielen im Frühjahr 2001 die Buddha-​Statuen von Bamiyan und andere materielle Zeugnisse des buddhistischen wie des hinduistischen Kulturerbes in Afghanistan zum Opfer. Die westlichen Mächte haben im Umgang mit Afghanistan seit 1979 stets so gesprochen, wie es zu ihren jeweils aktuellen politischen Vorstellungen paßt. Inhaltliche Kontinuität sieht anders aus.

Messen mit zweierlei Maß

Stellen die gegenwärtigen Boykottaufrufe gegen Peking, die mit der Mißachtung der Rechte tibetischer Buddhisten begründet werden, in gewisser Hinsicht Ersatzhandlungen für das grundsätzliche Desinteresse am Schicksal des tibetischen und vor allem des außertibetischen Buddhismus dar? In der islamischen Welt gibt es praktisch keine buddhistischen Gemeinschaften mehr, da die mit dem Buddhismus verbundenen Kulturtraditionen unter islamischer Herrschaft als heidnisch ausgelöscht wurden. Das Gros jener europäischen und nordamerikanischen Menschenrechtler, die China an den Pranger stellen, hindert das nicht daran, den Islam als eine Religion des Friedens zu verherrlichen und muslimische Gewaltsezessionisten – auch in Europa – als Repräsentanten „unterdrückter Völker” hoffähig zu machen. Die westlichen Menschrechtler messen hier mit zweierlei Maß. Die Menschenrechtsverletzungen Chinas kritisieren sie, die islamistischen dulden sie.

Von einem freiheitlich-​konservativen Standpunkt aus läßt sich der Geringschätzung des beeindruckenden spirituellen Reichtums, die der tibetische Buddhismus bietet, nichts abgewinnen. Ebenso wenig jedoch sollte das – in den 1950er Jahren der chinesisch-​kommunistischen Herrschaft erlegene – „alte Tibet”, eine feudale Theokratie, als eine Idylle der Selbstverwirklichung des tibetischen homo religiosus verklärt werden. Vor allem aber verbittet sich jegliche Bekundung der Solidarität mit Gewalttätern, die das Eigentum und die körperliche Unversehrtheit von Zivilisten in Frage stellen. Dies gilt für die jüngsten Plünderungen und tätlichen rassistischen Angriffe auf Chinesen in Lhasa ebenso wie für die Intifada muslimischer junger Männer in französischen Vorstädten (und anderswo in Europa).

Auch ein Staat wie China ist kontinuierlich mit begründeter menschenrechtlicher Kritik zu konfrontieren. Er eignet sich jedoch nicht als Zielscheibe wilder Attacken politischer Romantiker, die die Tibeter als eine Projektionsfläche für ihre antizivilisatorischen Sehnsüchte mißbrauchen. Solche Romantiker suchen mit China weniger die Relikte einer kommunistischen Diktatur, als vielmehr ein im Kern säkulares, modernistisches und an ökologistischen Neuordnungsbestrebungen wenig interessiertes politisches Gemeinwesen zu dämonisieren.

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