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Zum Zweiten: (K)ein Blauer Brief an Ernst Nolte

Sonntag, 18 Juli 2010 15:58 von Marco Reese

Jena, 18. Juli 2010

Sehr geehrter Herr Prof. Nolte,

im Namen von Blaue​Narzisse​.de möchte ich den von meinem Mitautoren Hendrik Schulze begonnenen Briefwechsel fortführen. In Ihrem Antwortschreiben gehen Sie auf den positiven Bezug der sowjetischen Kommunisten auf die französischen Jakobiner ein, machen jedoch zwischen beiden Phänomenen einen „Qualitätssprung“ aus. Ich möchte dazu einige Punkte aus meiner Sicht anmerken.

Der Unterschied zwischen dem auf die Französische Revolution folgenden „Weltbürgerkrieg“ und dem, der infolge der Russischen Revolution aufkam, liegt ja darin: dort waren es noch unmittelbar die Kräfte der Tradition, gegen die sich die Linke richtete. Zwar gab es, wie Sie schreiben, bald keine mit dem späteren organisierten Kommunismus vergleichbare Gruppierung mehr. Doch, und darauf gehen Sie ja ebenfalls ein, gibt es ein Fortwirken der Revolution im 19. Jahrhundert. In dessen Mitte bringen auf der Linken wirtschaftlich ausgerichtete sozialistische Ansätze, d. h. der Marxismus, einen neuen Schwerpunkt hinein. Oswald Spengler setzt die beiden Zäsuren für etwa 1770 und 1840 an: zunächst der Kampf gegen die Tradition. Dann, im Zuge der Industrialisierung, die Fortsetzung dieses Kampfes bei einer stärkeren Vermassung der städtischen Unterschichten, die man mit wirtschaftlichen Versprechen locken wollte.

Kampf gegen die Tradition und urbane Vermassung als Zäsuren

Um 191718 besteht daher freilich bereits ein anderer Zusammenhang, der aber durch das Fortwirken der revolutionären Gedankenwelt seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, trotz der eigentlichen Niederlage der Jakobiner, zu erklären ist. Hier sind nach wie vor die schon schwächeren Kräfte der Tradition das Angriffsziel, dazu aber, wie Sie sagen, der „Kapitalismus“. Wiederum Spengler ist allerdings der Ansicht, es handele sich beim Marxismus um einen Kapitalismus von unten, und beide, Börse und Arbeiterparteien, seien traditionsfeindlich. Das heißt, die Revolution ist nun gleichsam in sich gespalten. Und mit der bolschewistischen Revolution ist dann eine neue Situation entstanden, aber ich würde den Faden zwischen 1789 und 191718 auch nicht zu dünn wählen.

Die Gegenrevolution blieb nun von revolutionären Elementen selbst nicht verschont, mußte sich in den Umständen, gesellschaftlich wie technisch, zurechtfinden. Dabei war es in der Mitte Europas der Nationalsozialismus, der letztlich aufgrund seiner Massenbezogenheit und seiner demokratischen Gepflogenheiten den Sieg davon trug und die eigentlich „rechten“ Strömungen entweder schluckte oder an den Rand drängte.

Auch der Nationalsozialismus ist Teil des revolutionären Gesamtprozesses

Ihre Einschätzung, der NS sei extrem rechts mit starken linken Zügen, würde ich so noch nicht ganz zustimmen wollen. Ich würde eher von einer Verbindung beider Elemente sprechen und sie ausgewogener sehen. Insofern aber, als daß der NS sich in den revolutionären Gesamtprozeß durchaus eingliederte (betrachten Sie z.B. seine Kirchenfeindlichkeit) und nur den Schwerpunkt anders setzte, überwiegen hier fatalerweise sogar „linke“ Züge. Denn meines Erachtens hatte der NS zu wenig wirklich Gegenrevolutionäres zu bieten. Auch wenn er außenpolitisch eher so gehandelt haben mag (Spanischer Bürgerkrieg, Rußlandfeldzug u. a.).

Erik von Kuehnelt-​Leddihn (19091999) schreibt in seinen Lebenserinnerungen, daß der Zweite Weltkrieg ein Bruderkrieg zwischen den drei Erben der Französischen Revolution gewesen sei: der Demokratie, des Kommunismus und des Nationalsozialismus. Das ist ja auch die Tragik des NS, daß er vielen zunächst als etwas schien, was er dann doch letztlich nicht war. In den Strudel wurden aber wichtige Teile der erneuerten Rechten gezogen, durch Vernichtung kurz vor Kriegsende oder durch Rufmord nach dem Krieg, als dann mehr und mehr behauptet wurde, die Rechte habe dem NS den Weg bereitet. Dabei ist dessen Aufstieg ja ohne die Demokratisierung nach 1918 nicht zu erklären.

Dieser Rufmord dauert ja bis heute an, während wir uns wiederum in einer weiteren, insofern ja schon – nach dem Kalten Krieg – der vierten Phase befinden. Hier dürfte wohl auch der Zusammenhang zwischen schrankenlosem „Kapitalismus“ und Kommunismus wieder deutlicher werden. Die Linksrichtung der Welttendenz, von der Ernst Jünger 1945 sprach, ist jedenfalls noch nicht überwunden.

„Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben“, so Botho Strauß in seinem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ 1993. Doch der ist ja eigentlich schon längst da gewesen, wobei die Kräfte des Auslöschens stärker, aber auch unterschwelliger und „weicher“ geworden zu sein scheinen. Das „Fortbringen“ umgibt uns, es ist heuer recht schwer, sich überhaupt einen Aussichtspunkt oberhalb dessen zu verschaffen. Gegenrevolution kann vielleicht nur noch heißen, sich der Revolution zu entziehen, wenn man die beiden Seiten so bezeichnen will.

Zum jakobinischen wie bolschewistischen Terror noch dies: ich denke durchaus, daß die revolutionären Greuel gerade in der Vendée bereits die des 20. Jahrhunderts vorwegnehmen. Das 19. Jahrhundert schlief da zunächst vielleicht noch ein wenig. Im 20. Jahrhundert brach alles erneut, und dann aber in der Tat noch ärger hervor, auch aufgrund der begünstigenden technischen Mittel.

Die Rechte als korrigierende Reaktion auf den geschichtlichen Fortschritt

Noch ein weiterer Punkt bewegt mich: Gehen Sie davon aus, daß die Menschheitsgeschichte einen Weg nach vorn bzw. oben nähme, welcher von der Linken vorgegeben werde; die allerdings hin und wieder über ihr Ziel hinausschießen würde, sodaß eine bremsende oder korrigierende Reaktion der Rechten notwendig sei? So verstehe ich Ihre diesbezügliche Aussage. D.h. die Rechte ist dann im Recht, wenn diese Korrektur notwendig ist und sie ihrer gerecht wird. Sie ist aber im Unrecht, wenn eines von beiden nicht der Fall ist, d.h. entweder kein Grund zur Reaktion besteht oder aber diese Reaktion unverhältnismäßig ausfällt. Würden Sie das so sagen?

Und wenn ja, wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das, was gerade für Deutschland unter dem Begriff der „Konservativen Revolution“ subsumiert wird – auch im Hinblick auf deren Verhältnis zum NS? Welche Aufgabe hätte Ihrer Meinung nach eine echte Rechte heute?

Seien Sie herzlich gegrüßt,
Marco Reese

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