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(K)ein Blauer Brief an Ernst Nolte

Samstag, 19 Juni 2010 17:14 von Hendrik Schulze

Blaue​Narzisse​.de startet mit diesem Artikel ein neues Format, das wir (K)ein Blauer Brief nennen. Unsere Autoren werden fortan offene Briefe an bedeutende Vorbilder und Gegner versenden. Diese werden einerseits in unserem Onlinemagazin veröffentlicht und andererseits den Adressaten zugestellt. Wir hoffen auf die ein oder andere Antwort, die selbstverständlich veröffentlicht wird. Im besten Fall entstehen aufschlussreiche Briefwechsel. Wenn nicht, dann haben wir zumindest unsere Diskussionsbereitschaft erkennen lassen. Wir beginnen mit einem Brief an den Historiker Ernst Nolte.

Leipzig, den 19. Juni 2010

Sehr geehrter Herr Nolte,

es gibt wenige Autoren, bei denen ich das Bedürfnis pflege, das gesamte Werk zu lesen. Sie stehen dabei an erster Stelle. Während meiner Schulzeit kam ich – ganz zufällig – mit dem Buch „Die faschistischen Bewegungen“ in Berührung und fühlte mich durch das Thema und den Stil des Buches angezogen. Dabei kannte ich weder den „umstrittenen“ Autor noch die Debatte, hinter welcher Sie standen.

Geschichte ist keine Faktenaneinanderreihung!

Von da an las ich bevorzugt Bücher von Ihnen und betrachte Sie aus folgenden Gründen als mein geistiges Vorbild: Sie haben mir gezeigt, dass es eine andere Geschichtsschreibung als die einseitige Faktenaneinanderreihung gibt, welche beim Lesen keine große Erkenntnis hinterlässt. Sie haben eine Interpretation des 20. Jahrhunderts entwickelt, welche eigenständig, durchaus streitbar und zu weiteren Fragestellungen führt, welche unabdingbar für die Wissenschaft sind. Letzten Endes haben Sie mir bewiesen, dass es sich lohnt zwischen den Stühlen zu sitzen und seinen Weg zu gehen, mögen einem auch noch so viele Steine in den Weg gelegt werden.

Durch Sie wurde mein Entschluss, Geschichte zu studieren, stark gefestigt. In der Antwort auf einen Brief, welchen ich Ihnen 2008 geschrieben hatte, sagten Sie, dass „es ja im deutschen Geschichtsunterricht mehr um die Festigung apodiktischer Urteile als um die Erwägung von Interpretationsmöglichkeiten“ geht. Eine Änderung dieses Zustands scheint schwerlich in Sicht. Dennoch denke und hoffe ich, dass meine und die folgenden Generationen mehr und mehr gelassener an das 20. Jahrhundert herangehen und fern von vermeintlicher politischer Korrektheit und Blindheit mit ihm umgehen.

Versteifte Geschichtsbetrachtungen des 20. Jahrhunderts

Folgend möchte ich ein paar Fragen an Sie richten, welche ich Sie schon immer fragen wollte: Sie schreiben, dass der erste europäische Bürgerkrieg die „temporäre Erringung der ganzen Macht durch die französischen Jakobiner und die Parteinahme der deutschen, österreichischen und italienischen »Jakobiner« für das revolutionäre Frankreich gegen die »konterrevolutionären« Regierungen des eigenen Landes“ war (Nietzsche und der Nietzscheanismus). Inwieweit gibt es Parallelen zwischen dem ersten und dem zweiten europäischen Bürgerkrieg?

Sie haben letztes Jahr einen Vortrag in Triest gehalten, welcher von Tumulten zwischen links– und rechtsgerichteten Studenten gekennzeichnet war. Wie empfanden Sie diese Situation und was denken Sie über diese? Müsste sich die heutige Linke von Ihnen nicht gestärkt fühlen, wenn sie jene „Ewige Linke“ immer wieder hervorheben, auf welche die Rechte stets nur reagieren kann? Planen Sie noch ein weiteres Buch? Wenn ja, zu welchem Thema? Oder gedenken Sie, sich von der publizistischen Bühne zurückzuziehen?

Mit freundlichen Grüßen,
Hendrik Schulze

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