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New Moon: Der röhrende Hirsch

Montag, 07 Dezember 2009 08:16 von Kristina Kesselring

Vor kurzem entschloss ich mich mit einer Freundin den lang erwarteten zweiten Teil der Twilight-​Saga „New Moon“ anzusehen. Es war eine sehr spontane Entscheidung und wir beide, zwar schon lange nicht mehr in die Kategorie „kreischender, hypersensibler, romantischer Teenager“ einzuordnen, waren den Büchern nicht abgeneigt. Ich habe bereits den ersten Teil gesehen und obwohl er mich nicht vom Hocker riss, bin ich jedoch jemand, der eine begonnene Filmreihe auch zum Abschluss bringt.

Bella Swan (gespielt von Kirsten Stewart), eigentlich heißblütig in ihren, aus Prinzip leidenden, Vampir Edward (Robert Pattinson) verliebt, verletzt sich an ihrem 18ten Geburtstag. Rasend durch das Blut muss Edward Bella vor Angehörigen seiner eigenen Familie beschützen. Das führt zu der Entscheidung, dass Edward und seine Familie Bella verlassen. Von einer Minute auf die andere bricht für Bella eine Welt zusammen. Im Buch ausführlich behandeltes, monatelanges Leiden und jugendliche Apathie nimmt im Film zwei Minuten ein. Wieder halbwegs auf der Höhe und immer noch um ihren Liebsten trauernd, flüchtet sich Bella zu Jacob Black, der, wie sich nach einiger Zeit herausstellt, die Wandlung zu einem Werwolf vollzogen hat. Immer wieder in ihr seelisches Tief stürzend, springt Bella, mittlerweile ein Adrenalinjunkie, von einer Klippe. Sie kann aber gerade noch von Jacob gerettet werden und steht mit einer schrecklichen Botschaft plötzlich bei Alice Cullen, Edwards zukunftsvorhersehender „Schwester“, auf der Matte.

Mädchen als naive Lämmchen

War das zweite Buch (im englischen gleichnamig New Moon, im Deutschen Biss zur Mittagsstunde) noch halbwegs angenehm zu lesen, wenn man von dem abstrusen Weltbild der Autorin in der Bella neben Edward ein mehr als schwacher und unmündiger Charakter ist, einmal absieht, fuhr der Film auf derselben Schiene. Das schreckliche Frauenbild, das Mädchen als die schwachen doofen Lämmchen hinstellt, habe ich mühsam versucht zu ignorieren. Dennoch ist es wohl genau diese Aufteilung, dieser Fatalismus einer unsterblichen Liebe, die die Zielgruppe anspricht.

Die Bilder des Filmes sind im Großen und Ganzen angenehm. Mir gefiel es, dass dem wortwörtlich heißblütigen Jacob Black (gespielt von Taylor Lautner) mehr Raum und somit auch Entwicklungsmöglichkeit gegeben wurde. War ich im Buch, wie es unter Twilight-​Fans so schön heißt, eine Pro-​Edward Anhängerin, musste ich mir Gegenteiliges im Film eingestehen. Einer der lächerlichsten Punkte in Bezug auf Jacob war, dass dieser, schätzungsweise 80 Prozent des Films ohne Hemd herumlief. Gut, das war nicht übel, vor allem weil seine dunkle, unbehaarte Brust um einiges ansehnlicher war als Edwards blasses Hühnerbrüstchen mit den, durch sehr talentierte Maskenbildner aufgesprayten Bauchmuskeln und dem traurigen Flaum brauner Haaren.

Effekte statt Romantik

Doch nach einiger Zeit wurde dieses halbnackte Herumstolzieren der Werwölfe um Jacob Black doch zu viel. Am schrecklichsten war die Szene, in der Bella, in der Hoffnung eine neue Vision ihres Liebsten zu sehen, auf ein, von Jacob gebautes, Motorrad steigt und natürlich stürzt. Sie blutet und anstatt, dass ihr Jacob ein Taschentuch oder sonstiges reicht, zieht er sich sein Hemd aus, lässt seine Muskeln spielen und drückt ihr den Stoff auf die Stirn. Das ganze Kino stöhnte hier auf – jedoch nicht vor Begierde oder romantischen Gefühlen. Selbst für den stumpfsinnigsten Zuschauer waren die Anhäufungen an Lächerlichkeiten, hirnlos schmachtenden Phrasen und effekthascherischen Bildern zu groß, um ignoriert zu werden.

Was im Buch romantisch, witzig oder spannend dargestellt wurde (und das obwohl bereits durch die deutsche Übersetzung einiges an stilistischem Charme verloren ging), war im Film durch die Stauchung auf 130 Minuten seelenlos und platt. Der vermeintliche Showdown in den Hallen der Volturi, einer Art aristokratischen italienischen Vampirkontrollpolizei, ist im Nachhinein nur als fade zu bezeichnen. Die Obervampire fläzen sich gelangweilt durch Jahrhunderte und leiden wie in sich gekehrte, weltfremde Kaiser auf ihren vergoldeten Thronen und sind nicht wirklich gefährlich.

Kitschig wie der röhrende Hirsch

Dem Film fehlt jeder größere Spannungsbogen, es gibt kleine Seufzer, kleine Aufschreie und größere peinliche Lacher. Der Funken springt nicht über, die Magie von der so viele schwärmen, ertrank in Schmalz und leeren Worten. Grenzdebil fiel mir als erstes Wort ein und dennoch ist der Erfolg bei der jugendlichen Zielgruppe unbestreitbar, die wohl auf hirnlose rosafarbene Scheiße steht.

Um den Film in einem Gleichnis zusammen zu fassen – als Kunststudentin greife ich auf die malerische Kunst zurück: „New Moon“ ist der röhrende Hirsch unter den Kinofilmen 2009. Manch einer kennt diese Bilder aus dem 19. Jahrhundert, die hauptsächlich bei älteren Mitbürgern im Wohnzimmer hängen. Inmitten eines Waldes pittoresker Tannen, vorzugsweise auf einer herrlichen Lichtung, steht ein prachtvoller Hirsch, den kräftigen Kopf mit dem eindrucksvollen Geweih in die Luft gereckt, lautlos einen sinnlichen Brunftschrei ausstoßend. Prachtvoll, wunderschön und wohl auch eindrucksvoll mag dieses Bild sein. Und dennoch haben wir heute nur ein Wort dafür: Kitsch.

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